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Welche Kampfart ist die effektivste?

 

Die beste Kampfkunst, den besten Stil oder das beste System gibt es nicht, dass war schon Bruce Lee vor weit mehr als 30 Jahren bewusst und er hat dies auch mehrfach öffentlich diskutiert. Er hat feststellt, dass sich die meisten Kampfmethoden auf bestimmte Kampfdistanzen und Kampftechniken beschränken, ein Straßenkampf diese Beschränkungen jedoch nicht kennt. Beispielsweise (Exemplarisch) ein Judoka beschränkt sich auf die Greifdistanz oder ein Boxer auf die reine Boxdistanz, da er keine Würfe und/oder Tritte zu fürchten braucht. Beide Kampfarten sind für ihren jeweiligen Schwerpunkt die ultimativen Lösungen, doch für den Straßenkampf ergeben sich Mängel. Der wichtigste Punkt ist daher die Beachtung aller möglichen Kampfdistanzen!

Die Kampfdistanzen des Progressive Self Defence System setzen sich wie folgt zusammen:

Capoeira In der langen Distanz (Bild zeigt den WAKO Vollkontaktkickboxbundestrainer und mehrfachen Amateur- und Profiweltmeister Ferdinand Mack und Vizeeuropameisterin Fatma Five) findet man fast ausschließlich Tritttechniken. 

Im Waffenkampf wird hier vermehrt nach den Konzepten des Filipino Larga Mano gearbeitet, dass heißt der Angriff wird durch Direkte Konter in der langen (Larga oder Largo Mano) Distanz beantwortet.

CapoeiraDie mittlere Distanz (Bild zeigt den Progressive Self Defence System Masterstudent Bastian Abel und Mestré Michael Möller beim Capoeira) wird durch Schlag- und Tritttechniken und deren Kombination dominiert.  

Beim Messerkampf wird versucht den Gegner durch Schnitte zu seinen Gliedmaßen (Arme, Hände, Beine) Einhalt bieten zu können, beim Stock dagegen werden eher Wirkungsvolle Treffer zum Kopf und zu den Gelenken (Knie, Hand, Ellbogen, Schulter usw.) versucht.

In der nahen Distanz (Bild zeigt Hapkido und Taekwon Do Meiser Markus Troffer) finden vermehrt die Ellbogen-, Knie- und Fausttechniken, sowie die Kopfstöße ihre Anwendung. In manchen Situationen lässt es sich nicht vermeiden, dass man durch den Gegner gegriffen wird. Oftmals werden hier Würfe, Hebel und Würgetechniken eingesetzt. Auch Nervendruckpunkte werden angegriffen.

Das Messer hat in der Nahen Distanz einen entscheidenden Vorteil, da man sowohl schneiden als auch stechen kann. Das Stockende und die lange Seite des Stockes werden auf diese Entfernung zum Schlagen oder Stoßen genutzt.

Goshin Jitsu Rudi BauerAm Boden (Bild zeigt Goshin Jitsu / Judo Großmeister Rudi Bauer - 2ter Nikolausbudolehrgang Kersbach 2001) sollte man nicht nur durch s.g. Haltetechniken brillieren, da diese auf der Straße ohne vorheriges „Weichmachen“ meist nicht funktionieren, d.h. ein Faust- oder Handtechnik, manchmal auch Fußtechniken, sowie Knie-, Ellbogen- oder Kopfstoß zur rechten Zeit wirkt Wunder. Der Einsatz dieser Waffen sollte jedoch oft und eingehend trainiert sein, da er sich teilweise von den im Stand geführten Techniken unterscheidet.

Zur Verzweiflung wird es am Anfang führen, wenn Messer und Stöcke Einzug in den Bodenkampf halten.

Unabdingbar ist beim Bodenkampf im Vorfeld das trainieren der Fallschule! Motto – „Fallen ist keine Schande, aber liegen bleiben!“

Vorurteile gegen Menschen die mehrere Stile oder Konzepte trainieren

Viele "Traditionallisten" sind der Auffassung, dass es unmöglich ist in allen Bereichen (Upright - Grappling - Submission - Stick - Knife) zu trainieren. Da wird mit Weisheit geprotzt und mit guten Ratschlägen nicht hintern Haus gehalten - "Lieber in einer Sache Meister werden statt 1000 Dinge halb zu tun!" und dergleichen mehr. Dies alles trifft aber nicht des Pudels Kern sondern schießt meilenweit am Ziel vorbei. Im Straßenkampf gibt es keine Regeln - keine Fairness - keine Zurückhaltung - keine Streicheleinheiten. Der Angreifer interessiert sich nicht dafür ob meine Hose zu eng ist und ich deshalb nicht hoch treten kann, ob ich die Fallschule beherrsche, ob ich gut meinen Körper vor Schlägen schützen kann usw.

Zu dieser Sache hat mein Freund Frank Burczynski folgendes geschrieben:

Freefight GrapplingImmer wieder stößt man als Jeet Kune Do Trainierender auf das Vorurteil, dass im Jeet Kune Do viel zu viele Sachen trainiert werden.

Viele andere Kampfkünstler scheinen der Meinung zu sein, man müsse sich auf eine bestimmte Distanz (Treten, Schlagen, Nahkampf oder Bodenkampf) spezialisieren, um sich erfolgreich wehren zu können. Mal davon abgesehen, dass im JKD ein tägliches Abnehmen an Technik und ein ausarbeiten bestimmter Eigenschaften für bestimmte Techniken im Vordergrund stehen sollte, muss man erst mal ein gewisses Arbeitsfeld schaffen, um auszusortieren. Dabei zeigen grade die Entwicklungen im Free Fight Bereich, dass ein Kampfkünstler, der sich mit mehr als zweimal in der Woche á 90 Minuten Training beschäftigt, sehr wohl in allen Distanzen zu sehr guten Ergebnissen kommen kann.

Dazu kann man sich z.B. mal die Sportler ansehen, die professionell in Events wie z.B. UFC oder Pride kämpfen. Die können kicken, schlagen, werfen, grappeln. Natürlich trainieren die mehrere Stunden am Tag. Niemand hat gesagt, dass man
JKD mit zweimal 90 Minuten Training pro Woche trainieren kann und dann innerhalb kürzester Zeit in allen Distanzen gut wird.

Es ist nicht richtig, dass der Mensch nicht in mehr als einer Distanz oder einer Sache gut werden kann. In der Schule wird auch mehr als nur lesen, nur schreiben oder nur rechnen gelernt. Nicht nur Deutsch sondern auch Physik, Fremdsprache, Sport, Geschichte etc. pp.

Und wie steht es um den olympischen Zehnkampf? Schon Bi- oder Triathlon vereinen unterschiedliche Bewegungsmuster und Abläufe.

StickfightingWenn jemand nur zweimal pro Woche Zeit hat und seine Selbstmotivation sowieso in den Seilen hängt, ist JKD sicherlich nicht das richtige. Wie schon mal ein Herr Lee sagte: Jeet Kune Do ist nicht für jeden.

Eben!

Kein Problem, es gibt Kampfkünste, die sind einfacher zu erlernen und sicherlich in 80% der tatsächlich vorkommenden realen SV Situationen mindestens genauso effektiv. Nur gehe ich bei meinem Training davon aus, dass ich an einen Fachmann gerate, den ich sicherlich außerhalb seiner spezialisierten Distanz bekämpfen muss. Und da bin ich lieber "well-rounded".

Easy going, muss sowieso jeder für sich selbst unterscheiden, nur sollte niemand, nur weil er selbst dazu nicht in der Lage ist, die Fähigkeit, mehr als eine Problemlösung zu erlernen, es anderen absprechen.

Das ein JKD'ler einem Boxer in der Boxdistanz unterlegen sein könnte ist meiner Meinung nach auch kein Argument für die Spezialisierung auf das Boxen. Denn immerhin könnte der nächste Gegner ja ein Fachmann in der Trittdistanz oder ein guter
Bodenkämpfer sein. Dieses Argument trifft also den Fachmann mindestens eben so gut.

Darum geht es nicht. Ich boxe als JKD'ler auch nicht den Boxer, wenn ich das erkenne. Wenn nicht, ist es eh egal, da zu spät. Aber dann ist es auch für den spezialisierten Kicker oder Grappler egal, nix gewonnen.

Woran erkennt man dann den Boxer oder den Judoka in einer Auseinandersetzung?

Vielleicht, weil der Judoka versuchen wird, mich zu werfen?

Darum trainiere ich Grappling, um entweder zu versuchen, den Wurf zu kontern oder aber mich nicht festlegen zu lassen um in eine Distanz zu kommen, in der ich meinen Gegner hoffentlich besser bekämpfen kann.

Es gibt beim Kämpfen keine Garantien, nur Möglichkeiten. Und darauf sollte man durch sein Training vorbereitet werden. Wie man das macht, sollte jedem selbst überlassen sein, es gibt keinen "besten" Weg. Ob man nun versucht, sein Ziel
letztendlich mit nur einem Stil und einem Lehrer zu erreichen oder sich im Crosstraining befindet ist jedem selbst überlassen.

Wenn hier vom Crosstraining gesprochen wurde, dann meinte ich jedenfalls einen Trainierenden, der sich auch in anderen Stilen (System, Konzepten oder bei anderen Trainern) umschaut, um sich selbst zu verbessern und/ oder seinen Horizont zu erweitern. D.h. er gestaltet sein eigenes Training effektiver, um sein sich selbst gesetztes Ziel zu erreichen.

Ich widerspreche aber durchaus der Meinung, dass es den "kompletten" Stil gibt, das "komplette" System, das eine Lösung für jedes Problem und eine Antwort auf jede Frage des Trainierenden hat. Das widerspricht der Struktur eines Systems. Jedes festgelegte System ist geschlossen, ansonsten ist es kein System. Jedes geschlossene System grenzt aber dadurch aus. Ansonsten funktioniert die Struktur nicht. Dadurch ist jedes System aber entweder nur für bestimmte Typen erlernbar oder trainierbar und ist entweder flexibel und ändert sich je nach Anforderung und Stand der Technologie oder wirkt starr.

Nun wissen aber die meisten gar nicht, was sie wollen und wie sie es bekommen können. D.h. das umschauen und trainieren in anderen Systemen (sei es technik- oder trainingsmethodologisch orientiert) erweitert nicht nur den Wissenshorizont, sondern vielleicht auch die eigene Trainingsmethodologie.

Frank Burczynski - März 2002 (Bild zeigt von links M. Kann und F. Burczynski) im PSDS-Bundesausbildungszentrum

 

Ich schließe mich Franks Ausführungen an und möchte sie noch ergänzen. Egal ob Militär, Polizei, Security, Zoll, Grenzschutz, Justiz usw. alle trainieren heute in verschiedenen Bereichen - Boden, Stand, Messer, Stock, MES usw. Dies ist doch auch logisch! Niemand würde darauf kommen zu sagen, dass dies Blödsinnig wäre. Sondereinsatzkommandos der Polizei beschäftigen sich sogar recht intensiv mit allen Bereichen - sogar der Schusswaffeneinsatz wird durch Situationen wie Bodenkampf realistischer gestaltet. Dies ist eben Realitätsnahes Training!

Im Mittelalter wäre niemand darauf gekommen, auch kein Asiate, die Waffentechniken von den Waffenlosen Techniken oder den Bodenkampf vom Schlagen und Treten zu trennen. Ganz im Gegenteil, ein Krieger musste mehrere Waffen, den waffenlosen Kampf (Nahkampf), das überleben in freier Natur usw. beherrschen. Beweise hierfür liefert u.a. das Werk von Sun Tsu (auch Sunzu oder Sunzi) - "The Art of War" ("Die Kunst des Krieges" besser "Die Kunst der Kriegsführung") oder "das Buch der fünf Ringe" von Musashi Miyamoto - das geistige Erbe eines Bushi. Chinesische Krieger mussten neben dem waffenlosen Kampf, den Umgang mit dem Schwert, der Lanze und das Bogenschießen beherrschen (auch vom Pferderücken aus). Japanische Krieger wurden ebenso im Umgang mit Pfeil und Bogen geschult, mit der Lanze, dem Schwert und im waffenlosen Kampf. Europäische Krieger wurden im Mittelalter unterrichtet im Umgang mit verschiedenen Schwerttypen, Stangen, Helmbarte, Dolch, Schild, waffenloser Kampf usw. Erst dieses Training machte einen Krieger zum Allrounder - machte ihn fit fürs Überleben! Das ursprüngliche Jujitsu war genau auf diese Konzeption aufgebaut - Umgang mit Waffen, unbewaffnet gegen Waffen, unbewaffnet gegen unbewaffnet - und nichts anderes!

Wer sagt, dass wir nicht von einander lernen können? Das wir nicht miteinander trainieren können? Das wir nicht von einander profitieren können?

Die meisten Kampfsportler, Kampfkünstler oder Selbstverteidigungsexperten aus meinem eigenen Freundeskreis - darunter viele meiner Lehrer - haben umzudenken gelernt. Wir trainieren heute regelmäßig miteinander, helfen uns gegenseitig und unterstützen uns.

Dieses Bild entstand beim 2ten kostenlosen Nikolausbudolehrgang 2001 in Kersbach und zeigt die Referenten und den Ausrichter. Von links - Capoeira Mestré Michael Möller, Hapkido und Taekwon Do Meister Markus Troffer, Michael Kann, den mehrfachen Amateur- und Profiweltmeister Ferdinand Mack und Goshin Jitsu und Judo Großmeister Rudi Bauer.

Sie sind der lebende Beweis für meine These - MITEINANDER und VONEINANDER