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Der Boxeraufstand
Doch wie kam es damals überhaupt zu diesem Boxeraufstand? Und welche Rolle spielte bei dieser blutigen Auseinandersetzung die Kampfkunst?Auf dem Schlachtfeld siegten damals Maschinengewehr und Repetierkarabiner über Schwert, Lanze und Faust, dennoch hat sich die chinesische Kriegskunst bis heute gehalten und als Sport, Lebenseinstellung und Weltanschauung sogar einen Siegeszug um den ganzen Globus angetreten. Geistige Träger dieses Siegeszuges waren letztendlich auch jene Frauen und Männer, die im Jahr 1900 vor Pekings Mauern im Kampf gegen ein gemeinsames Heer aus Japan, Großbritannien, Russland, USA, Italien, Deutschland, Österreich-Ungarn und Frankreich fielen. > Doch wodurch wurde der sog. " Boxeraufstand" überhaupt ausgelöst?
Die seit 1644 regierende, dem Minderheitenvolk der Mandschuren entstammende Tsing Dynastie erwies sich zunehmend als unfähig, diese Krise auch nur annähernd in den Griff zu bekommen. Im Jahr 1899 war die Provinz Schantung einer der Brennpunkte jener politischen und gesellschaftlichen Beben, die China erschütterten. Das Deutsche Kaiserreich hatte 1897 die Kiautschou Bucht erobert, Großbritannien setzte sich in dessen Gefolge in der Hafenstadt Waiheiwai fest. Vor allem deutsche, britische, japanische, belgische und US-amerikanische Unternehmen wetteiferten in der Ausbeutung der Bodenschätze. Das bodenständige Handwerk war unter dem Ansturm der industriell gefertigten Importerzeugnisse zusammengebrochen. Das nationale Transportwesen ging an den, von europäischen Gesellschaften betriebenen Eisenbahn- und Binnenschiffsverbindungen zugrunde. Von daher waren sowohl die Führer der Ochsenwagen, als auch die Treidler, Schlepper, Stauer und Matrosen, die bisher von dem Warenverkehr auf dem immer mehr verödenden Kaiserkanal gelebt hatten, ihrer Existenz beraubt. Verschärft wurde das Elend noch durch anhaltende Trockenheiten, die sich mit Dammbrüchen und Überschwemmungskatastrophen abwechselten. In weiten Landesteilen litten die Menschen Hunger. Für die notleidenden Volksmassen standen die Schuldigen für diese Misere fest: Die Fremden - europäische und amerikanischen Missionare, Kaufleute, Diplomaten und Industriellen sowie deren einheimische Geschäftspartner und Helfer. Es zu Aufständen und Revolten, und die Geheimbünde organisierten sich. Einer dieser Geheimbünde war der Yijetuan (Vereinigung der Fäuste für Gerechtigkeit und Harmonie). Er war schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Schantung (als geheime Widerstandsgruppe gegen die Tsing Dynastie) entstanden und widmete sich der Pflege und Bewahrung der traditionellen chinesischen Kriegskunst. Die Mitglieder des Yijetuan waren Kleinbauern, Handwerker und Transportarbeiter. Grundorganisation des Bundes war der Altar (tan), dem sowohl Männer als auch Frauen angehören konnten. Innerhalb des Altars war die Jugend als Kampfgruppe in der Roten Laterne (Jung Teng Chao), die Älteren in der Blauen Laterne (Lan Teng Chao) organisiert. Die Disziplin innerhalb dieses Geheimbundes war eisern, absoluter Gehorsam, Gemeinschaftssinn und gegenseitige Unterstützung markierten die Grundlage. Die militärische Untergliederung der Altare bestand aus Zehnerschatten (pan) und Hundertschaften (ta tui). Im September 1899 verprügelte der katholische Großgrundbesitzer Li Chin Pang in der Ortschaft Kangtsili (Provinz Schantung) den Landarbeiter Li Chang Shui. Als daraufhin die Landarbeiter einen Proteststreik organisierten, ließ Li Chin Pang die Rädelsführer (sechs Mitglieder des Yijetuan) verhaften. Die Angehörigen der Inhaftierten wandten sich hilfesuchend an den Arzt Chu Jung Teng, ein angesehenes und bekanntes Mitglied des Yijetuan. Chu rief die anderen Altare zur Unterstützung auf, sammelte eine kleine Streitmacht und marschierte mit dieser am 9. Oktober in Kangtsili ein. Die zunächst friedlich verlaufende Protestaktion zur Freilassung der Inhaftierten schlug um, als die örtlichen Behörden Anfang November gewaltsam gegen den Yijetuan vorgingen und Chu in Gewahrsam nehmen wollten. Die Ortsverwaltung wurde abgesetzt und vertrieben, Chu gab mit der Parole „Verteidigung des Kaiserhauses, Vernichtung der Ausländer" das Signal für den Aufstand. In ganz Schantung entstanden nun Altare, wurde in aller Öffentlichkeit die traditionelle Kriegskunst trainiert und schlossen sich die Menschen dem Yijetuan an. Die Provinzverwaltung reagierte prompt und entsandte eine Polizeitruppe gegen Chun. Diese wurde bei der Ortschaft Shenlotien überfallen und besiegt. Ein Erfolg, der den Yijetuan weiter bekannt machte und seine Reihen anschwellen ließ. Daraufhin lud Yu Sein, der Gouverneur der Provinz Schantung, Chu und dessen Stellvertreter Pen Ming zu Verhandlungen ein. Als diese das Angebot annahmen und sich in seine Gewalt begaben, ließ er sie verhaften und sofort hinrichten. Doch der Aufstand konnte damit nicht erstickt werden, im Gegenteil! In ganz Schantung wurden Kirchen, Lagerhallen und Fabriken, die Symbole für die Unterwerfung Chinas durch das Ausland, zerstört, Bahnhöfe angezündet, Eisenbahnlinien unterbrochen, ausländische Händler und Missionare vertrieben oder ermordet. Die in Peking residierenden Diplomaten reagierten umgehend, als sie die ersten Schreckensmeldungen erreichten. In einer gemeinsam Note forderten sie die chinesische Regierung auf, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um den fremdenfeindlichen Aufruhr gewaltsam zu unterdrücken. Sollte die Provinzregierung dazu nicht in der Lagesein, müsse Schantung unter Militärverwaltung gestellt und General Yuan Shih Kai und seiner neuen Armee übergeben werden. Bilder ![]()
In den Sümpfen von ShitingGeneral Yuan traf mit seinen 7000 Mann am 26. Dezember 1899 in der Provinz Schantung ein. Schon am nächsten tag rief er mittels einer öffentlichen Proklamation den Yijetuan zur Unterwerfung auf und gab den Befehl, militärisch gegen ihn vorzugehen. Er verstärkte seine Armee um 20000 Mann, versicherte sich der Unterstützung der in der Provinz stehenden deutschen und britischen Militär- und Polizeieinheiten und ging zur Offensive über. Mit exemplarischen öffentlichen Hinrichtungen, Massenverhaftungen und offenem Terror bemühte er sich, den aufstand zu unterdrücken. Bereits im Frühjahr des Jahres 1900 meldete er nach Peking, dass in seine Provinz wieder Ruhe und Ordnung eingekehrt ist. Stolz posieren die Henker (und Herrenmenschen) vor ihren Opfern.Der Aufstand war damit aber keinesfalls beendet. Im Gegenteil! Der Yijetuan wich nordwärts in die Nachbarprovinz Chili aus. Dort entstanden neue Altare, wurden Übungsplätze für die Ausübung der Kriegstechniken und Kampfübungen eingerichtet. Die Rebellen gruppierten sich in zwei Marschsäulen, von denen die eine am Kaiserkanal entlang in Richtung Tientsin vorstieß, die andere, der Eisenbahnlinie Lukouchiao folgend, gegen Peking zu. Die erste wurde allerdings bereits nach kurzer Zeit von Regierungstruppen zerschlagen, während die zweite sich den ihr entgegengestellten Armeeeinheiten und eilig ausgehobenen Milizen gegenüber durchsetzte und ihren Marsch fortsetzte.Am 22. Mai gelang es ihr, in den Sümpfen von Shiting einen Hinterhalt zu legen und eine 3000 Mann starke Armee unter General Yang Fu tung auseinander zu sprengen, bevor diese ihre Schusswaffen voll zum Einsatz bringen konnte. Daraufhin setzte die Regierung die Kaiserliche Wachdivision, eine modern bewaffnete und ausgebildete Elitetruppe, gegen die Angreifer in Marsch. Doch auch diese musste sich nach wenigen Tagen vor dem ständig angreifenden Yijetuan in Richtung Tientsin zurückziehen. Damit war für die Aufständischen der Weg nach Peking frei.In Peking selbst waren bereits im Frühjahr 1900 die ersten Altare und Übungsplätze entstanden, zunächst heimlich in den vororten, doch schon bald ganz offen. auf Plakaten und mit Flugblättern, Ansprachen und in Meetings wurden die Hauptstädter zum Aufstand und zur Vertreibung der Ausländer aufgefordert, mit Demonstrationen und Umzügen ein Klima der Unsicherheit, der Angst, Revolution und des Aufruhrs geschaffen. Angesichts dieser dramatischen Entwicklung sprachen die Gesandten Großbritanniens, der USA, Russlands und Frankreichs am 30. Mai im Pekinger Außenministeriums vor und forderten ultimativ, den Yijetuan gewaltsam zu unterdrücken.Doch dessen Kämpfer aus dem Süden marschierten mittlerweile ganz offen in Peking ein, mit Schwert und Lanze bewaffnet, mit rotem Turban und Schärpe uniformiert, unbehelligt von Polizei und Militär, die sich aus Peking zurückzogen und die Straßen der Rebellion überließen. Und so herrschte nicht nur in Peking, sondern in ganz Nordchina offener Aufruhr, Terror und Chaos. Dies richtete sich gegen alle ausländischen Einrichtungen und Bürger - sowie alle Chinesen, die mit diesen zusammenarbeiteten.Am 31. Mai traf in Peking aus Tientsin ein letzter Eisenbahntransport mit Nachschub und Verstärkung für die Wachtruppe des Gesandtschaftsviertels ein, das ab 19. Juni von dem Yijetuan belagert und von der Außenwelt abgeschnitten wurde. Der Versuch des deutschen Gesandten Klemens von Ketteler, am 20. Juni im chinesischen Außenministerium dagegen zu protestieren, endete mit seiner Ermordung durch einen Unteroffizier der chinesischen Armee, der sich dem Yijetuan angeschlossen hatte. Am 10. Juni hatte eine internationale, 2000 Mann starke Truppe unter Befehl des britischen Admirals E. H. Seymour versucht, von Tientsin aus per Eisenbahn gegen Peking vorzustoßen. Bereits am 13. wurde sie von den Kämpfern der Yijetuan auf halben Weg in Langfeng gestoppt und eingeschlossen. Weitere Verstärkungen aus Tientsin heranzubringen war nicht möglich, denn auch in dieser Stadt tobte der offene, bewaffnete Aufruhr gegen alles Fremde. Daraufhin zerstörte die vor der Küste kreuzende verbündete Kriegsflotte am 16. Juni die chinesischen Küstenbefestigungen und landete eine Befreiungsstreitmacht. Dieser gelang es, sich gegen die ständigen Angriffe der Yijetuan nach Tientsin durchzukämpfen und bis zum 14. Juli die Stadt zu unterwerfen. Von dort begann sie mittlerweile auf 40000 Mann verstärkt am 2. August ihren Vorstoß gegen Peking. Die Hauptstadt wurde am 13. erreicht und in einem dreitägigen Straßenkampf erobert. Bis September war diese Streitmacht unter dem Oberbefehl des deutschen Feldmarschalls Alfred von Waldersee auf 100000 Mann angewachsen. Sie errichtete in der von ihr kontrollierten Zone eine Terrorregime, dem nicht nur der Yijetuan erbarmungslos zum Opfer fiel, sonder wo auch Plünderung, Vergewaltigung und Massenexekution auf der Tagesordnung standen, Die kaiserliche chinesische Regierung verpflichtete sich in einem Abkommen den inzwischen elf Besatzungsmächten (Niederlande, Belgien und Spanien waren noch hinzugekommen) gegenüber zur Zahlung einer Entschädigung von 67,5 Millionen Pfund Sterling, zur Entmilitarisierung des Gebietes zwischen Peking und der Küste, zur Garantierung der Unantastbarkeit des Pekinger Gesandtschaftsviertels und der über das ganze Land verstreuten Ausländerviertel (Konzessionen) sowie zur Verfolgung und Zerschlagung des Yijetua. Der Yijetuan war besiegt und zerschlagen, aber ihr Kampf war nicht folgenlos geblieben. Nach dem Boxeraufstand dachte keine der ausländischen Mächte mehr daran, China in Kolonien aufzuteilen und direkt zu beherrschen. Im Gegenteil, in den nun folgenden Jahren bemühten sich Deutschland, Großbritannien und die USA, die chinesische Regierung zu unterstützen und intakt zu halten, um einen erneuten, derartigen revolutionären Ausbruch zu verhindern. Über das erschreckende, fremdenfeindliche Potential, das im Boxeraufstand zum Ausbruch kam, schrieb Lenin: "Wer verursachte den Angriff der Chinesen auf die Europäer, den Aufstand, den Engländer, Franzosen, Deutsche, Russen und andere so energisch unterdrücken? War es die Feindschaft der gelben Rasse, der Hass der Chinesen auf europäische Zivilisation und Kultur, wie diejenigen behaupten, die diesen Krieg gegen China unterstützten? Ja, die Chinesen hassen tatsächlich die Europäer, aber welche Europäer und warum? Die Chinesen hassen nicht die europäischen Völker, mit diesen sind sie niemals zusammengestoßen, sondern die europäischen Kapitalisten und die europäischen Regierungen, die im Dienste der Kapitalisten stehen. ![]() ![]() |