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Interview Budo International mit Dan Inosanto

Dan Inosanto war bekanntlich ein Freund von Bruce Lee, dem großen King of Kung Fu. Doch Dan Inosanto gehört mittlerweile selbst zu den großen Meistern und hat sich aufgrund seiner Vielseitigkeit zu einem Alleskönner entwickelt. Seine Schwerpunkte sind und bleiben aber das Jeet Kune Do und die philippinischen Kampfkünste Kali und Escrima. Salem Assli, der seit vielen Jahren ein Schüler von Dan Inosanto ist, sprach für uns mit seinem berühmten Meister und ging dabei u.a. auf die Entstehung dieser Kampfkünste ein.

B.I.: Welche Kampfkunststile haben Sie eigentlich trainiert, bevor Sie Bruce Lee kennen lernten?

Dan Inosanto: Im Alter von 10 oder 11 Jahren habe ich Judo, Jujutsu und Karate bei meinem Onkel Vincent in Okinawa trainiert. Zu jener Zeit war ich aber noch nicht wirklich an den Kampfkünsten interessiert. Im Alter von 18 Jahren habe ich mich dann ernsthaft mit dem Judo beschäftigt. Während der Armeezeit habe ich Karate in Okinawa trainiert. Als ich aus der Armee entlassen wurde, suchte ich eine Kenpo Schule. Ich zog nach Los Angeles und habe dort die Kurse von Ed Parker besucht, das war im September 1961. 1964 erhielt ich meinen Schwarzgurt und wurde zum Chef-Instructor ernannt. Von Sifu Ark Wong, bei dem ich Privatunterricht nahm, wurde ich darüber hinaus zum Instructor für Chúan Fa ernannt. Ich trainierte auch privat mit John Lacoste, aber zu diesem Zeitpunkt war ich im Kali und philippinischen Escrima noch nicht so weit. Erst nachdem ich Bruce Lee kennen lernte, interessierte ich mich wirklich dafür.

Training bei Ed Parker

B.I.: In Ihrer Geburtsstadt Stockton lebt die größte philippinische Bevölkerungsgruppe außerhalb der Philippinen. Bedeutet dies automatisch, dass sie die philippinische Kampfkunst bereits in Ihrer Kindheit kennen lernten?

D.I.: Dies zeigt man dort nicht in der Öffentlichkeit. Außerdem ist man als Kind nicht so sehr daran interessiert. Dies blieb auch so bis zum Jahre 1964. Die philippinischen Veteranen des zweiten Wettkriegs übten diese Kunst im Geheimen aus und offenbarten ihre Kunst nur wenigen Auserwählten.

B.I.: Wieviel Zeit verbrachten Sie mit Ed Parker?

D.I.: Ich begann im September 1961 bei ihm mit dem Training. Ich mochte sein System, und deshalb blieb ich bis 1968 bei ihm. Ich war auch mit Bruce Lee zusammen, aber ich habe erst im Juli 1964 das Training bei ihm begonnen. Ich trainierte immer zwei oder drei Stile gleichzeitig, was eine Art „Markenzeichen" von mir ist. Wenn mir eine Schule gefiel, dann trainierte ich auch dort.

B.I.: Stimmt es, dass es Ed Parker war, der Sie mehr oder weniger in Richtung Escrima und Kali, also den Künsten Ihrer Vorfahren, brachte?

D.I.: Das stimmt. Ich hatte das vorher schon gesehen, aber Ed Parker hat mir die Augen für die philippinischen Kampfkünste geöffnet, indem er sagte: "Das Escrima bzw. Kali ist mehr als nur der Kampf mit dem Stock". Als wir 1964 das erste Turnier in Long Beach hatten, lud er Bruce Lee ein und ebenfalls Ben Largusa (Schüler von Meisters Floro Villabrille), um eine Demonstration durchzuführen. Das war das erste Mal, dass eine breitere Öffentlichkeit das Escrima und das Kali kennen lernte. Außerdem war es das erste Mal in den Vereinigten Staaten überhaupt, dass die Hauptrichtung des Karate, des Kali und Escrima von Tuhon Ben Largusa vorgeführt wurde. Es war das erste Mal, daaa sie Bruce Lee und das chinesische Kung Fu sahen. Von daher betrachte ich dieses Turnier in Long Beach als ein Schlüsselerlebnis. Aber es war letztendlich Ed Parker, der mich ermutigte, die philippinischen Kampfkünste zu erlernen.


Bruce Lee und Ben Largusa
 
 

Vom Fechten, über philippinische Kampfkünste zum Jeet Kune Do

B.I: Hat Ihr Vater auch eine Kampfkunst ausgeübt?

D.I.: Ja, das tat er, aber er war mehr am Escrima interessiert. Er hat mehrere Medaillen im Wettkampf mit dem Säbel gewonnen. Er trainierte mit dem Florett, dem Säbel und dem Schwert und nahm an verschiedenen Turnieren teil. Die bevorzugte Waffe meines Vaters war jedoch der europäische Säbel.

B.I.: Hat er Ihnen selbst Schwertunterricht gegeben?


D.I.: Nein, ich habe sein Schwert, mit dem er all seine Medaillen gewonnen hat, zu Hause. Aber bevor er mich selbst unterrichtete, nahm er mich eher zu anderen Philippinen mit.


B.I: Noch bevor Sie Bruce Lee kennen lernten, praktizierten Sie schon mehrere Kampfkunstsysteme gleichzeitig. Einige Leute glauben, dass dies keine gute Sache ist, weil man viel Zeit benötigt, um ein einzelnes System vollständig zu beherrschen. Wie denken Sie darüber?


D.I.: Das kann sich bei einigen Leuten als richtig erweisen. Eine allgemeine Regel stellt jedoch das gleiche Prinzip wie in der Schule dar: Du kannst Englisch und Französisch sowie auch Mathematik und Naturkunde gleichzeitig lernen. Du bist nur in der einen Sache besser, als in der anderen, und Du konzentrierst Dich immer mehr auf eine als auf die andere Sache, und zwar aus Gründen der persönlichen Vorliebe. Du musst Dich selbst nur auf eine intelligente Art und Weise trainieren, wie ein Zehnkämpfer. Bei zehn verschiedenen Disziplinen müssen sie mit Intelligenz trainieren. So wie sie, so musst Du den gemeinsamen Nenner finden, diejenigen Trainingsmethoden, die einem beim 100 Meter und auch beim 400 Meterlauf nutzen. Bei den Kampfkünsten ist es genauso. Ich suche die Dinge, die vervollständigend sind und gleichzeitig bestimmte Aspekte und das Wissen meines Trainings erhöhen.


B.I: Sie haben lange Zeit Leichtathletik und American Football trainiert und es sogar auf dem College unterrichtet. In Ihren Klassen oder auf Seminaren ziehen Sie oft Vergleiche zwischen diesen Sportarten und den Kampfkünsten. Denken Sie, dass diese Sportarten Ihnen bei dem Erlernen der Kampfkünste geholfen haben?


D.I: Aber ja! Die Leichtathletik hat mir auf eine bestimmte Art und Weise eine Trainingsmethode gezeigt, mit der ich arbeiten kann. Außerdem hat sie mir Selbstdisziplin vermittelt. Durch das American Football habe ich auch viel gelernt. Ich habe mich z.B. dadurch daran gewöhnt, Leuten gegenüberzustehen, die viel schwerer sind als ich. Ich war auf dem Gymnasium und dem College immer etwas kleiner als der durchschnittliche Spieler. Ich habe mich durch das American Football also daran gewöhnt, Spielern gegenüberzustehen, die imposanter sind als ich. Also die Angst zu bewältigen und mit gewalttätigem Kontakt umzugehen. So konnte ich durch das American Football all die Dinge lernen, die mir später bei meinem Kampfkunsttraining sehr geholfen haben.


B.I.: Wer war der erste Lehrer, bei dem Sie Kali trainiert haben?


D.I.: Mein Vater nahm mich damals mit, um in der philippinischen Gemeinde von Stockton verschiedene Philippinen kennen zu lernen. Er brachte mich z.B. zu einem Mann namens Reagino Illustrissimo, einem Bruder des legendären Melaico Illustrissimo (Bild links), der seinerseits der Gründer des berühmten Illustrissimo Systems auf den Philippinen ist. Er hat mich auch zum Großmeister Juanito Lacoste mitgenommen, der den philippinischen Kampfstil des Südens und Mittelphilippinen repräsentierte. Er nahm mich mit zu Angel Cabales (Bild rechts), der ein Meister im Escrima war. Außerdem nahmen meine Eltern mich auch mit zu meinem Onkel Redero Ramos, einem Escrima-Vertreter. Darüber hinaus stellte meine Mutter mich Leuten wie Leo Giron (Bild links) und Meister Gilbert Tenio vor. Das waren die ersten Personen aus meiner Heimatstadt, die mich in der philippinischen Kampfkunst unterrichtet haben. Mit ihnen trainierte ich ebenfalls. Da Stockton von meinem damaligen Zuhause weit entfernt war, fuhr ich dort jede Woche hin, manchmal für einen oder zwei Tage. Montags kam ich dann wieder nach Hause, um am College zu unterrichten. Ich mochte es immer sehr, mit verschiedenen Personen zu trainieren. Ich fand das immer richtig, und sogar meine eigenen Schüler haben mir unterschiedliche Dinge beigebracht.


B.I.: Unterrichten die Meister, des philippinischen Escrima ausschließlich Philippinen?


D.I.: Obwohl diese Kunst geheimgehalten und praktisch nur an ausgewählte Philippinen weitergegeben wurde, war sie diesen nicht ausschließlich vorbehalten. Gelegentlich wurden auch Nicht-Philippinen unterrichtet, die enge Freunde oder Freunde der Familie waren. Manchmal unterrichteten die Meister aber nicht einmal ihre eigenen Söhne oder Töchter. Ich war oftmals überrascht zu sehen, dass die Kinder meiner Trainer z.T. nicht wussten, was ihre Väter für Kampfkünstler waren. In manchen Fällen ging die Geheimniskrämerei sogar so weit, dass noch nicht einmal deren eigenen Frauen etwas davon wussten. Guro Greg Lontanyao (Bild links) zum Beispiel, einer der höchsten Danträger des Systems von Meister Villabrille (Bild rechts), erzählte mir eines Tages, dass er vollkommen überrascht war, als er feststellen musste, dass sein Vater ebenfalls ein hervorragender Kampfkünstler war. Anlässlich seiner Schwarzgurtverleihung zeigte ihm sein Vater, dass er trotz seines hohen Alters ihn noch kontrollieren konnte, vor allem mit den Waffen. Greg Lontanyao war umso mehr überrascht, da er niemals gesehen hatte, dass sein Vater trainierte.

B.I.: Wie war das Training mit den philippinischen Meistern? Sie haben oft gesagt, dass ihre Trainingsmethoden rauh waren.

D.I.: Im Unterricht hatten sie nicht unbedingt das, was ich als die beste Unterrichtsmethode bezeichnen würde. Diese Leute waren meistens eher Kämpfer als Lehrer. Aber das war nicht überall so. Einige dieser Trainingsmethoden wurden als „primitiv" eingestuft. Sie gaben ihre Kunst so weiter, wie sie sie selbst erlernt hatten. Sie hatten viel Körperkontakt, auch wenn sie nur mit Leichtkontakt arbeiteten. Aus diesem Grund war diese Kunst bei Kindern nicht sehr beliebt. Man bevorzugte Baseball oder andere Sportarten. Mit der Zeit begannen jedoch auch sie zu lernen, wie man lehrt. So gab es nach und nach Veränderungen und neue Entwicklungen. Jeder veränderte und entwickelte irgendwie. Einige rollten z.B. eine Zeitung zusammen, weil die billiger als ein Stock war.

B.I.: Sie haben oft von John Lacoste gesprochen. Können Sie uns mehr über ihn erzählen, so z.B. wie lange Sie bei ihm trainiert haben?

D.I.: Ich lernte ihn kennen, kurz bevor ich zur Armee ging. Aber ich verstand nicht wirklich, was er mir beibringen wollte, da mir das damals zu hoch war. Als ich 1961 meinen Militärdienst beendete, war ich regelmäßig in Stockton. John Lacoste kam regelmäßig nach Los Angeles, um mich zu sehen, aber auch, weil er Freunde in LA hatte. So konnte ich bei ihm trainieren, aber ich verstand die Dinge erst wirklich in den Jahren 1969 oder 1970. 1964 hatte ich außer ihm noch andere Lehrer und so trainierte ich gleichzeitig mit Bruce Lee. Außerdem lernte ich bei verschiedenen philippinischen Instructoren, die in die Stadt kamen oder in Los Angeles lebten. Ich trainierte mehrere Künste gleichzeitig. Es gab eine Zeit, so von 1966 bis 1968, da unterrichtete ich sowohl für Bruce Lee als auch für Ed Parker. Dies war sehr hart, da ich an vier Tagen in der Woche für Ed Parker unterrichtete, ebenfalls an vier Tagen für Bruce Lee. Samstags unterrichtete ich für beide. Das war wirklich schwierig. Wenn ich mir das heute so überlege, dann hatte ich damals kein Familienleben, denn das Lernen und das Unterrichten der Kampfkünste nahm all meine Zeit in Anspruch. Wenn ich jetzt einen Blick zurückwerfe, dann sage ich mir, dass ich zu jener Zeit kein ausgeglichenes Leben hatte.

B.I.: John Lacoste war immer einer Ihrer bevorzugten Lehrer. Sie haben sogar einmal gesagt, dass er der „Bruce Lee" der philippinischen Kampfkünste" sei. Was hat Sie zu dieser Aussage veranlasst?



D.I: Ich mochte ihn sehr, denn er war ein Experte für viele Bereiche des Kali.

B.I.: Woher hatte er all sein Wissen?

D.I.: Sein Wissen stammte aus seinen Recherchen und seinem Training in Samar, Panay, Cebu, Bohol usw. Außerdem hat er in der südlichen Region sein Wissen über die drei prinzipiellen Tribus erworden, den Tausu, den Maranaw und den Mamindano. Später ist er in den Süden der Philippinien emigriert, in das Gebiet von Moros ... Lacoste war nicht sein richtiger Name. Diesen Namen hat er erst später angenommen.

B.I.: John Lacoste wurde im Alter von 90 Jahren ermordet. Damals war er noch in bester Verfassung. Hat sein Tod etwas mit den Kampfkünsten zu tun?

D.I.: Überhaupt nicht. Er führte mit mehreren Leuten eine politische Diskussion. Ein Typ, der mit seiner Meinung nicht einverstanden war, wollte sich mit ihm streiten, aber Lacoste weigerte sich. Frustriert ging der Typ in sein Appartement, nahm seinen Revolver und schoss ihm von hinten in den Kopf. Dies war ein tragischer Verlust. Ich habe in ihm eine Art Vater gesehen.

Quelle - Budo International 03/97 - Salem Assli -


 

 

 

Leo Giron; Angel Cabales; Antonio Tatang Illustrisimo; Villabrille