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Entstehung des Jujitsu Teil 1

Der Ursprung des Jujitsu (gesprochen Dschuu Dschitsu) ist aufgrund der Vergesslichkeit der Menschheit, Kulturellen Wandlungen, Kriegen und unzähligen Bücherverbrennungen heute nicht mehr eindeutig nachzuweisen, seine Wurzeln liegen wahrscheinlich in Indien. Ob die Wurzeln aller bekannten Kriegskünste in Indien liegen wage ich jedoch zu bezweifeln. Zurück zum Jujitsu - vermutlich fanden die Techniken des Kampfes ihren Weg von Indien über China auf die heute japanischen Inseln.

Was man mit Sicherheit sagen kann ist die Tatsache, das dass Jujitsu chinesische Wurzeln hat. Die gemeinsamen Ursprünge der asiatischen Kampfmethoden werden oft aus historisch politischen Gründen verschwiegen. Hier einige Beispiele für diese überregionale Verwandtschaften:

Der Begriff KEMPO (jap.) heißt im chinesischen mit den identischen Schriftzeichen CHÚAN FA. Dazu findet Ihr mehr unter der Rubrik "Interessantes", da es einer gesonderten Erläuterung bedarf.

Das KARATE (jap. eigentlich Okinawa) hieß eigentlich "China Hand" (Entstehung in der Tang Epoche). Erst durch Gichin Funakoshi (Schüler von Anko Asado, Yasutsune Itosu, Tanme Sakihara Kiyuna, Niígaki, Kanryo Higashionna, Sokon Matsumura und Chojun Miyagi) nach der offiziellen Demonstration im Butokukai im Jahre 1921 fand eine Umdeutung in "Karate" in unbewaffnete Hand statt, seither nimmt man fälschlicherweise an, das dass Karate eine waffenlose japanische Kampfkunst wäre.

Der Begriff Karate entstand erst im ausgehenden 19ten Jahrhundert. Karate in seiner heutigen Interpretation wurde erst 1951 auf die japanischen Hauptinseln gebracht. Karate als Wettkampfsport entstand erst in den 50iger Jahren. Ältere Jujitsu Stile aus dem sich das Karate entwickelte sind das GOSHIN RYU (Verbindung von Wurf-, Hebel-, Schlag-, Stoß- und Tritttechniken), NAHA TE (auch Shorei Ryu genannt - Ende 19. Jahrhundert), SHURI TE und TOMARI TE (1900). Moderne Karate Stile sind das Shotokan (1949), Nippon den Seito Shorinji Kempo (1947), Kyokushinkai (1955), Goju Ryu (Bild links - Yamaguchi Gogen berühmtester Vertreter des Goju Ryu), Gojukai (1928), Yoseikan (1958), Shorin Ryu (1920), Isshin Ryu (1959), Shito Ryu (1934), Shotokai (1949), Shukokai Ryu (1948), Uchi Ryu (Anfang 20. Jahrhungdert), Karate Jutsu (Gichin Funakoshi 1922) und Seidokan. Der Vater des Shotokan Karate war im übrigen nicht Funakoshi sondern Masatoshi Nakayama (Bild rechts). Gichin Funakoshi entwickelte das Karate Jutsu und nannte sein Dojo Shotokan – dies nur mal so am Rande. Mehr dazu an anderer Stelle (s. Interessantes).

Es gibt im übrigen auch in Korea einen Gegenpart zum japanischen Karate, der in seinem Wortlaut sogar den Bezug zu China trägt, dass TANG SOO DO = "Das Prinzip der Verteidigung nach der Methode der Tang".

In China nennt man es TANG SHOU DAO oder KUO SHU (Chinesisches Boxen). Die Tang sind eine chinesische Volksgruppe die in der Tang Dynastie die Regierungsgewalt inne hatten. Tang Soo Do wurde durch Hwang Kee 1956 begründet.

Das koreanische TAEKWON DO wurde durch General a.D. Choi Hong Hi 1956 eingeführt und dies erst nach langen Streitigkeiten und dem daraus resultierenden Bruch mit Hwang Kee dem Begründer des Tang Soo Do. Eigentlich war ein Zusammenschluss aller koreanischen Stile (z.B. Soo Bahk Do, Budlo Mu Sool, Bulkyo Mu Sool, Taekyon) unter dem Namen Tae Soo Do geplant. Im Taekwon Do gibt es heute leider zahlreiche Verbände (wie eigentlich bei allen Kampfstilen) wie z.B. Chi Do Kwan (1953), Chung Do Kwan 1945), Oh Do Kwan oder Kwon Jae Hwa Taekwon Do (Bild). Gleiches gilt für das Tang Soo Do und das inzwischen ebenso bekannte Hapkido. Die meisten der heute üblichen Hyong lassen sich auf Karate Kata zurückführen und wurden nur modifiziert.

HAPKIDO wurde von Choi-Yong-Sool nach dem Studium des Daito-Ryu-Aikijutsu unter Sogaku Takeda (1860-1943) des koreanischen Tae-Kyon und des Bulkyo-Mu-Sul 1956 namentlich gegründet. Vorher nannte er seine Interpretation Dae-Han-Hap-Ki-Yu-Kwon-Sul, 1953 benutzte Großmeister Choi für seine Kampfkunst den Namen Dae-Dong-Ryu-Yu-Sul und bereits ein Jahr später Yu-Kwon-Sool. 1960 gründete Großmeister Choi des Dae-Han Ki-Do Hwe (Korea Ki-Do Hwe). 1967 gründete Großmeister Choi den Jun-Moo-Kwan.

Das chinesische SHAOLIN CHÚAN FA (u.a. Cui Ba Xian Quan, Lo Han Chuán, Tong Bei Chúan, Ta Hsing Chúan, Tsung Hi Pai, Ti Kung Cúan) findet im SHORINJI KEMPO seinen japanischen Gegenpart. Hier nur einige wenige weitere chinesische Kampfstile: Tái Chi Chúan (hier gibt es unzählige Variationen), Wing Chun (Ving Tsun, Wing Tsun, Wing Tschun usw. - Bild zeigt Yip Man), Pa Kua Pai, Hung Gar, Choy Lee Fut, Tang Lang Pai, Tung Hai Chúan. Der chinesische Arzt Hua-To (265-190 v. Chr.) berichtet in seinem Shu-Po von Kampfmethoden die auf die Bewegungen von Tieren gestützt sind. Das chinesische Boxen fiel nach der Niederschlagung des Boxeraufstandes im Jahr 1900 durch die Kolonialmächte der Vergessenheit anheim. Verbote taten ihr übriges dazu und so wurde es nur noch im verbotenen Untergrund trainiert. Es erlebte erst sehr spät seine Wiedergeburt, vor allem durch den Kinofilmhelden Bruce Lee.

Auch das SUMO (von Chikara Kurabe = Kräftemessen, auch unter Juran Zumo oder Sumo Zumai seit dem 3ten Jahrhundert bekannt) hatte ebenfalls einen entscheidenden Einfluss auf das heutige Jujitsu. In China ist diese Ringerkampfmethode als SUBOKU (Chiao Ti seit dem 7ten Jahrhundert vor Christi Geburt bekannt) und in Korea als SHUBAKU bekannt, auch hier sind die gemeinsamen Wurzeln erkennbar. Das Kämpfen der japanischen Krieger in Rüstung nannte sich Yoroi Kumi Uchi oder Kachu Gozen Jutsu und wurde speziell für das Schlachtfeld zwischen 1192 - 1133 konzipiert.

In Indien betreibt man heute noch das KALARIPPAYAT. Es unterscheidet sich in nördliche Stile (hohe Sprünge, Titte, Ausfallschritte, tiefe Stellung, Schläge und Blöcke mit fast gestrecktem Arm) und südliche Stile (kreisförmige Bewegungen, Schläge und Blöcke mit offener Hand und angewinkelten Armen, viel Bewegung von Armen, Schulter, Rumpf, dafür wenig Beinaktionen. Die parallelen zum Chúan Fa und Karate sind sehr deutlich und auch hier spielen Formen eine große Rolle. Vorläufer war das Vajramushti (ca. 1000 v. Chr.). Weitere indische Kampfkünste sind das Muki (Mushti) und Varmakalai. Selambam (auch Silambam) ist ein altindischer Stockkampf, ähnlich dem philippinischen Arnis.

Südostasien ist ebenfalls ein Bereich in dem die Kampfstile neue aber Artverwandte Blühten hervorbrachte. Da Indonesien, Malaysia und auch die Philippinen mit chinesischen und japanischen Handelsstationen übersäht waren, blieb eine Einflussnahme nicht aus. Auf den Philippinen ist das ARNIS (auch Kali oder Escrima genannt) recht beliebt. Mehr dazu an anderer Stelle auf unserer Homepage.


Bei den Malaien und Indonesiern ist es das BER SILAT (malai.) und das PECAK SILAT (indo.) hier sind Stile wie das Kuntao, Mande Muda, Bahkti Negara, Harimau, Panca Indra Suci, Perisai Diri bekannt. Es soll weit mehr als 150 Stile geben, andere berichten von mehr als Tausend. Ähnlichkeiten zwischen den Filipino und den Indonesia Martial Arts sind daher nicht zufällig. Wobei viele Meister inzwischen neue Elemente aus anderen Stilen mit in ihre jeweiligen Systeme einlaufen lassen.

In Thailand hat sich letztlich das MUAY THAI durchgesetzt, wobei hier inzwischen fast ausschließlich Wettkampfbezogen gearbeitet wird. Die ursprünglichen Formen des Siamesisches Boxens gingen gänzlich darin auf. Chai Yut ist der Sammelbegriff für die verschiedenen Kriegskünste der Thais. Teilweise gibt es noch Schulen die das MUAY BORAN, CHAIYA und den Waffenkampf KRABI KRABONG (auch Fan Dab genannt) lehren, doch sie sind eher die Ausnahme. Burma/Kambotscha haben mit ihrem burmesischen Boxen BANDO (Thiang 1300) eine Kampfform, die dem Muay Thai sehr ähnlich ist. Das Bando ist in 15 Methoden, analog zu den chinesischen Tierstilen des Chúan Fa unterteilt. Die traditionellen Kampfkünste Birmas (Burma) werden unter dem Begriff Myanmar Thaiing zusammengefasst. Die Herkunft sowohl der siamesischen als auch der burmesischen Kampftechniken liegt in China, es wurde von chinesischen Einwanderern (den Thais) mitgebracht. Das BANSHEI und LAI KA ist der Verwandte des thailändischen Krabi Krabong. Der klassische burmesische Ringkampf nennt sich Naban.

Auch beim vietnamesischen VIET VO DAO lässt sich der chinesische Ursprung nicht leugnen, wobei sich durch die Popularität des Taekwon Do auch koreanische Elemente, vor allem in das Vovinam Viet Vo Dao einschlichen. Das System wurde im Jahr 1938 vereinheitlicht und Zusammengefasst (vorher gab es z.B. Stile wie das Vo Thuat). Ableger gibt es hier genauso wie in allen anderen Bereichen. Von den unzähligen vietnamesischen und vietnamesisch-chinesischen Stilen bleiben noch kleine Schulen und kleine Stile, die im ganzen Land verteilt sind und sich nicht verändert haben. Die zwei größten Stile sind zum einen, das Vo Co Truyen (ein neuerer Zusammenschluss chinesisch-vitnamesischer Stile), der besonderen Wert auf die demonstrativen und ethischen Punkte legt und auf der anderen Seite, das Vovinam Viet Vo Dao (1938) dessen Gründer, Meister Nguyen Loc es für notwendig hält, die effektive Seite zu lehren. Noch mal auf die chinesischen Einflüsse zurückkommend - Vo oder auch Vu sind die vietnamesischen Entsprechungen für das chinesische Wu, dass wir auch im Wu Shu wiederfinden. So heißt das Wu Shu auf vietnamesisch Vo Thuat. Die Vietnamesen sprechen, wenn sie von ihren Kampfkünsten sprechen, respektvoll vom Vo Ta, respektive Vu Ta. Dies findet sich auch im Begriff Vovinam Viet Vo Dao (Dao - philosophisch geprägtes Ta) wieder!

In der Tokugawa Epoche (1611 - 1868) entstanden nachweislich weit mehr als 700 Jujitsu Ryu. Die Gemeinsamkeiten der Schulen überwogen die Unterschiede und dies gilt bis heute. Der Begriff Jujitsu selbst entstand vermutlich erst im 18. Jahrhundert. Die Schreibweisen Jujutsu und Jiu-Jitsu haben ihren Ursprung in der Transliteration der Schriftzeichen. So entspricht Jujutsu der Japanischen und Jiu-Jitsu der Chinesischen Ausdrucksweise. Mischschreibweisen wie Jujitsu oder Jiujutsu sind aber die Regel. Auch die Übersetzung des Begriffes Jujitsu als "Sanfte Kunst" entspricht so nicht der ursprünglichen Bezeichnung. Jujitsu ist laut Wörterbuch gleich Vollkommenheit. Vollkommenheit ja, aber von was? Am allerwenigsten heißt Jujitsu aber "Gewinnen durch nachgeben". Dies alleine schon aufgrund der Tatsache, dass die Stile verschieden Methoden verwenden : Hebeln, Werfen, Schlagen, Treten usw. Dabei gibt es verschiedene Schulen, die auf bestimmte Techniken mehr oder weniger Wert legen. So wird in dem einen Stil mehr geworfen und in dem anderen mehr geschlagen oder gehebelt. An dieser Stelle seien nur einige wenige alte Schulen benannt: Take Uchi Ryu, Araki Ryu, Shinkage Ryu, Yanagi Ryu, Jikishin Ryu, Kito Ryu, Yagyu Shinkage Ryu, Kushi Ryu, Sekigushi Ryu, Yoshin Ryu, Tenjin Shinyo Ryu. Wenn man sich einmal mit einem japanischen Jujitsu Meister über diese Thematik unterhält, dann bekommt man eine verständlichere Bezeichnung angeboten. Bezeichnungen wie Kriegskunst oder Kampfkunst sind häufig - wobei die Vervollkommnung der Kunst zu Kämpfen angestrebt wird und das gesamte Training darauf ausgerichtet ist. Dies macht dann schon eher einen Sinn.

Das Jujitsu war und ist unter verschiedenen Bezeichnungen, u.a. Yawara Ge, Aikijitsu, Aikibujutsu, Hakuda, Kempo, Kogusoku, Koshi No Mawari, Yoroi Kumi Uchi, Tai Jutsu, Torite, Shubaku bekannt. Es war ein Ausbildungsbestandteil der verschiedenen Bujutsu Schulen (Ryu) der japanischen Ritter (Bushi), die neben den waffenlosen Techniken auch Waffentechniken (Schwert, Speer, Messer usw.) lehrten. Jujitsu hatte den Charakter eines kombinierten Kampfsystems mit und ohne Waffen. Der Kampf ohne Waffen war früher sogar eher selten. Ähnliches gab es auch im mittelalterlichen Europa, dort wurden ebenso die waffenlosen Kampftechniken neben der Schule der Waffenführung gelehrt.

Die Meiji-Periode (1868) führte zum Niedergang des Rittertums in Japan. Was oftmals verschwiegen wird, da Sieger die Geschichte schreiben, ist, dass die USA durch den Einsatz von Kriegsschiffen die Öffnung des bis dahin isolierten Japan für den Westen erzwangen. Dies ging aber mit der Vernachlässigung des alten Brauchtum einher und so gerieten auch die alten Kriegskünsten wie so oft in Vergessenheit. Mit der Modernisierung des Kriegshandwerkes, der Einführung von Schusswaffen usw. kam es ebenfalls zu gewaltigen Einschränkungen im Bereich der Kriegskünste, ähnlich wie in Europa gingen dadurch viele Stile für immer verloren. 1871 wurde den Japanischen Rittern letztlich sogar das Recht zum tragen eines Schwertes aberkannt. 1903 waren nur noch 4,5 % der Japaner der Ritterkaste zugehörig. Die meisten von ihnen finanzierten ihren Broterwerb als Lehrer für Kriegskünste. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde es wieder als traditionelles Gut in die japanische Kultur einbezogen, wobei oftmals der kriegerische, also kampfrelevante Aspekt durch den sportlichen und/oder geistigen ersetzt wurde.

Ein Deutscher als Impulsgeber

Der Deutsche Hofrat Dr. Erwin Otto Eduard von Baelz 1849 - 1913, welcher als Dozent der Medizin an der Universität in Tokio beschäftigt war, bekam den Auftrag eine Form der Körperertüchtigung für die japanischen Studenten zu entwickeln. Hofrat Dr. Baelz nahm zu dieser Zeit selbst Unterricht bei Sakakibara Kenkichi von der Jiki Shinkage Ryu (1580 - Bujutsu Schule die sich aus der Kashima Shinto Ryu entwickelte) und empfand die erlernten Techniken für besonders geeignet als Körperertüchtigung. (Weitere Schulen die sich aus dem Kashima Shinto Ryu entwickelten waren Shindo Muso Ryu und Tendo Ryu) Dr. Baelz motivierte seine ihm unterstellten Studenten nun, nach ähnlichen Kampfstilen Ausschau zu halten und bei den jeweiligen Lehrern in die Lehre zu gehen. Unter den Studenten von Hofrat Dr. Baelz befand sich u.a. ein junger Mann namens Jigoro Kano (geb. 1860, Student für Humanwissenschaften). Dr. Baelz konnte Jigoro Kano so für sein Vorhaben faszinieren, dass dieser 1882 eine kleine Übungsstätte (Dojo) mit nur 12 Matten eröffnete. Mit insgesamt neun seiner Schüler leitete Jigoro Kano im Jahre 1884 den Weltweiten Siegeszug der japanischen Kampfsportarten ein. Ein weiterer Schüler von Sakakibara war der spätere Aikido Begründer Morihei Ueshiba. Einer der bekanntesten heutigen Verfechter der Kahima Shinto Ryu ist Obata Toshishiro Kaiso, bekannt durch seine „Live“ Auftritte bei der Budo Gala und sein Debüt in verschiedenen Kampfsportfilmen – z.B. Ninja Hero Turtles.

Jujitsu in Europa


In Europa wurde Jujitsu um die Jahrhundertwende bekannt. Der wichtigste uns „noch“ bekannte Lehrer dürfte wohl Katsukuma Higashi gewesen sein, er war ein direkter Schüler von Jigoro Kano. Katsukuma Higashi (Bild) schrieb zusammen mit Irving Hancock zwei Jujitsu Bücher, die im Jahr 1905 in englisch, französisch und deutsch auf dem Markt erhältlich waren.

Er lehrte Kano Jujitsu (Kodokan Jujitsu) u.a. in Deutschland und später in England. Higashi Katsukuma vertrat ein sehr Kampfbezogenes, ursprüngliches Jujitsu. Er stellte sich vielen Herausforderungen u.a. von Boxern und Ringern.

Deutsche Pionierarbeit

Der Kampfbegeisterte Erich Rahn sah den japanischen Kämpfer Katsukuma Higashi im Zirkus Schumann am Schiffbauerdamm in Berlin, wie er in Sekundenschnelle einen größeren und stärkeren Mann durch Jujitsu Techniken zu Boden zwang. Erich Rahn überredete Higashi ihm Unterricht in Jujitsu zu geben. Er war der erste Deutsche der 1906 eine Jiu-Jitsu Schule eröffnete. Später nannte man Erich Rahn, den ”Meister der 1000 Jiu-Jitsu Griffe”, er galt als der beste Kämpfer Europas. (Erich RAHN 1934 - Quelle - Zeitschriften Funk-Studio bzw. Funk-Woche, Berlin, vom 7.Dezember 1934). Ein weiterer Wegbereiter in Deutschland war Alfred Rhode. Er popularisierte das Jujitsu und das spätere Judo in Deutschland. Er errichtete 1924 im Frankfurter Stadion eine internationale Sommerschule für Judo, mit japanischen Meistern als Lehrer.

Bedingt durch die beiden Weltkriege gab es auch in Deutschland Höhen und Tiefen zu Überwinden. So verboten die Alliierten 1945 durch das Kontrollrat-Gesetz die Ausübung des Jujitsu. Erst in den 50er Jahren gelang es nach zähen Verhandlungen dieses Gesetz wieder aufzuheben. Seither hat sich Jujitsu wieder stärker in Deutschland etabliert und es entstand leider eine Vielzahl von Verbänden, in denen Jujitsu betrieben wird. Jeder dieser Verbände behauptet natürlich, dass einzig wahre und richtige Jujitsu zu betreiben.




Jujitsu der Quell

Jujitsu ist der Quell vieler „neuer - alter“ Kampfkunst- bzw. Kampfsportdisziplinen.

Hier ein paar Beispiele:


JIGORO KANO (Abkömmling einer Samuraifamilie) entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts das zur olympischen Disziplin gewordene JUDO. Ursprünglich nannte Kano sein System – Kodokan Jiu-Jitsu. Er setzte es vor allem aus den Jiu-Jitsu Schulen Yanagi Ryu, Jikishinkage Ryu, Tenkami Ryu, Tenshin Shinyo Ryu, Kito Ryu (hier entlieh er sich hauptsächlich die Angriffstechniken - Ate Waza) heute noch an der Koshiki No Kata erkennbar und Sumo (Wurftechniken - Nage Waza) zusammen. 1882 gab es viele Kämpferische Auseinandersetzungen zwischen den zahllosen Jiu-Jitsu Schulen. Gerade das als akademisch verschriene Judo war oft in solche Kämpfe verwickelt. Um den ewigen Bandenkriegen ein Ende zu bereiten, ordnete man 1886 einen Entscheidungskampf zwischen den Schulen an, aus der das Kodokan Jiu-Jitsu als klarer Sieger hervorging. Das Kodokan Jiu-Jitsu beschränkte sich nicht nur auf Hebel oder Würfe, wie es gern durch heute praktizierende Judokas publiziert wird, sondern es kamen Schlag- und Tritttechniken darin ebenso vor wie Kopf-, Ellbogen- und Kniestöße. Mit dem Combat Judo steht dem Kodokan in Tokio noch heute eine Variante mit einem sorgfältig gehüteten Repertoire an speziellen Selbstverteidigungstechniken zur Verfügung. Zu Jigoro Kanos Zeiten war das Combat Judo sein GOSHIN JITSU, in das er Schläge mit den Gliedmassen (Atemi Waza) einbaute. Was viele nicht wissen ist die Tatsache, dass Jigoro Kano ein großer Förderer war – so unterstützte er u.a. Gichin Funakoshi, Chojun Miyagi und Morihei Ueshiba bei der Verwirklichung ihrer Träume. Traditionelle Werte haben im heutigen Judo keinen Platz mehr und finden kaum noch Beachtung. Ob Jigoro Kano mit der Entwicklung seiner Selbstverteidigungsmethode, hin zum Wettkampfsport zufrieden wäre, lässt sich heute leider schlecht sagen. Einzig in Katas (Formen) wie der Goshin Jitsu No Kata blieben einige Techniken erhalten, die heute aber eben auch mehr Interpretiert als gekonnt werden.

MORIHEI UESHIBA schuf sein AIKIDO aus dem Studium des Kodokan Jiu-Jitsu, Yanagi Ryu, Yagyu Ryu, Jiki Shinkage Ryu und Daito Ryu Aiki Ju-Jutsu (1888). Aikido besteht heute in der Hauptsache aus schmerzhaften Griffen und Hebeln mit anschließendem Wurf, ggf. mit Festlegetechnik. Im Aiki Jutsu finden sich heute noch Würgetechniken und in manchen Aikijitsu Stilen sogar noch Schläge und Tritte (man beachte das rechte Bild - es zeigt Ueshiba mit einem Tate Zuki - auch wenn dies von den meisten Anhängern des "modernen Aikido" dementiert wird, war das einstmalige Aikido von Ueshiba mit Tritt und Schlagtechniken ausgestattet). Morihei Ueshiba entfernte sich mit zunehmenden Alter immer weiter weg vom eigentlich Jujitsu Kempo Sinn und Zweck, sprich, weg von der Selbstverteidigung, hin zur Philosophie, der Verschmelzung des Taoismus, Shintoismus und Zen Buddhismus. Was gerne verheimlicht wird, sich aber in den oftmals zelebrierten Zeremonien widerspiegelt, ist die Tatsache, dass Ueshiba Gruppenführer der Omotosekte war. Sein Aikido ist durch seine eigenen Vorstellungen von Spiritueller und Körperlicher Harmonie gekennzeichnet. Im Aikido gibt es keinen Wettkampf, die Beschäftigung mit der Selbstverteidigung ist zu meist zweit- bzw. letztrangig. Auch das Aikido hat sich inzwischen in verschieden Stilrichtungen gespalten – dazu zählt das Tenshin Aikido (Berühmtester Vertreter ist Steven Seagal), Shinshin Toitsu, Takemusu Aiki (auch Iwama Stil genannt) und die Tendo Ryu.

Die meisten uns bekannten Stilrichtungen des KARATE haben ihre Wurzeln ebenfalls im Jujitsu. Von den bekannteren Stilrichtungen sind hier vor allem das Wado Ryu und das Karate Jutsu zu nennen. Wado Ryu Gründer Hironori Otsuka (Bild rechts) war ein Meister des Yoshin Ryu Jiu-Jitsu Kempo und Karate Jutsu Begründer Gichin Funakoshi (Bild links) war ein Shorin Ryu Schüler. Die Techniken des ursprünglichen "KARATE" glichen dem Jujitsu also lange Zeit, dies wird gerne von Funktionären geleugnet, dies ändert aber an den Fakten nichts. Ich empfehle jeden Ungläubigen die Lektüre des Buches Karate Jutsu von Gichin Funakoshi. Auch die Kleiderordnung des "modernen" Karate entstand erst in neuerer Zeit.

Das in Deutschland 1968 entwickelte, heute sehr bekannte JU-JUTSU wurde aus den „besten“ (worüber man streiten kann) Techniken, aus dem Karate, Judo und Aikido zusammengestellt. Dies hauptsächlich, um den Polizeibeamten eine für ihre Zwecke sinnvolle Selbstverteidigungsmethode an die Hand zu geben. Leider entwickelt sich das Ju-Jutsu inzwischen ähnlich wie das Judo, immer mehr hin zum reinen Wettkampfsport. Da dort mit Regeln gekämpft wird, ist eine Kastration des Systems unvermeidlich. Bestes Beispiel hierfür ist das Judo, in dem die Selbstverteidigung nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und sich meist nur noch in zwei Katas abspielt.

SAMBO (Kürzel für SAMosaschtschita Bes Orushia = Selbstschutz ohne Waffen, der Name entstand übrigens erst 1946) ist eine faszinierende synthetische russische Kampfart. 1923 machte es sich eine Gruppe Russen (Ableitung Rudermänner, Wikinger) zur Aufgabe, die traditionellen Kampfformen Russlands zu studieren um eine neue Kampfmethode zu entwickeln. Den verbreiteten Ringkampftechniken (auch aus den asiatischen Regionen dieses großen Landes) wurden Griffe und Hebel des Jujitsu beigefügt. Für den militärischen Nahkampf gab es spezielle Nahkampftechniken, mit denen ein Gegner u.a. geräuschlos getötet werden konnte. Es entwickelten sich drei Hauptausrichtungen: sportlicher Ringkampf = Borba Sambo (internationale Anerkennung 1966) – der das Wettkampf-Judo stark beeinflusste; Militärischer Nahkampf Bojewoje Sambo (später Speznaz); Selbstverteidigungsrelevantes Sambo.

JUJITSU wird teilweise heute noch bei Justiz-, Zoll-, Grenzschutz-, Militär- und Polizeieinheiten im In- und Ausland als Nahkampfsystem bzw. zur Erfüllung von Polizeiaufgaben eingesetzt, oder als zivile Selbstverteidigungsmethode gelehrt. Es gilt so zu sagen nach wie vor als eines der effektivsten Nahkampfsysteme der Welt. Es wird heute noch in der US Armee unter dem Begriff CLOSE COMBAT (Nahkampf) trainiert. Viele Spezialeinheiten (US Marines, US Special Forces, US Rangers, GSG9, SWAT, SAS, Mosat usw.) haben sich die Techniken des Jujitsu zu eigen gemacht und sie für ihre Verhältnisse modifiziert. Damit kommt man dem ursprünglichen Wert des Jujitsu wieder näher, denn es war zu Beginn schon eine Kriegskunst in der u.a. auch der bewaffnete Kampf und der unbewaffnete Kampf gegen einen bewaffneten Gegner gelehrt wurde.

Gerne werden alle asiatischen Kriegskünste (Martial Arts) unter dem Sammelbegriff BUDO zusammengeschmissen. Der Begriff Budo ist wie Karate Do, Aikido und Judo eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Im feudalen Japan waren mit Bujutsu (chin. Wu Shu, vietn. Vo Dao usw.) alle Fertigkeiten gemeint, die mit dem Kriegshandwerk in Verbindung standen, so natürlich u.a. auch das Reiten, Schwimmen, die Logistik, die Organisation usw. Mit dem Einzug des DO in die asiatischen Kriegskünste fand eine religiös-philosophische Ausrichtung statt. Das Hauptziel wurde das erreichen des ethischen Ideals, die Abhebung der „erhabenen“ östlichen Moral gegenüber der „niederen“ Moral des Westens. Daher tun sich auch Nichtasiaten mit der Begriffsdefinition sehr schwer, da es nicht unserer Mentalität entspricht. Wobei nur am Rande erwähnt sei, dass auch die besagten DO Einbringer wenig bis gar nicht den Bushido Ehrenkodex entsprechen oder gar nach ihm lebten. Ähnlich wie die Christen seltenst nach der Bibel, die Juden nach der Thora oder die Moslems nach dem Koran leben.

Aus historisch politischen Gründen missfällt dem Europäer und besonders dem Deutschen die Verwendung des Begriffes Kriegskunst (vielleicht kommt daher die Begriffsdefinition Verteidigungsminister statt Kriegsminister?) und daher wird hier lieber mit dem Begriff Selbstverteidigung aufgewartet. Im englischsprachigen Raum wird dagegen ganz klar der Begriff MARTIAL ART (in Anlehnung an den Kriegsgott Mars) verwendet, es trifft den Kern der Sache am besten. Klar Abgrenzen muss man zwischen Kampfkunst, Kampfsport und Selbstverteidigung. Während die einen in der Hauptsache der Kunst (u.a. Schönheit der Bewegung, Form, Aussehen, oft akrobatisch ausgelegt) frönen, trainieren die anderen zum Zweck des sportlich fairen und gemaßregelten Zweikampfes. Letztere „versuchen“ sich so nah als möglich an der realen Selbstbehauptung auf der Straße zu orientieren.