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Gene Le Bell

In den USA wird er in einem Atemzug mit Martial Arts Größen wie Bruce Lee, Chuck Norris oder Bill Wallace genannt - Gene LeBell, die große Judo und Wrestling Legende. Doch obwohl andere in seinem Alter bereits ihren Ruhestand genießen, denkt der härteste Mann der Welt noch lange nicht daran sich aufs Altenteil zurückzuziehen.Er steht immer noch fast jeden Tag auf der Tatami und lässt dabei so manchen Jungen Fighter richtig alt aussehen. Gene LeBell passt nun mal nicht in ein normales Klischee, was sich auch ganz besonders bei der Wahl seiner Bekleidung bemerkbar macht. Eigenwillig wie er ist, sucht man bei ihm einen weißen Gi vergeblich, statt dessen hat er ein unverkennbares Markenzeichen - einen rosafarbenen Judo Gi. Harte Burschen tragen eben Rosa!,Judo-Gene", wie LeBell auch genannt wird, beschäftigt sich seit rund 55 Jahren mit dem Kampfsport, so u.a. mit Judo, Ringen, Boxen und Karate. Eine Leidenschaft, die ihre Spuren hinterlassen hat: So wurde ihm seine Nase „knollenförmig" geschlagen, auch „zieren" seinen Körper so einige Narben. Die Auszeichnung „Härtester Mann der Welt" bekommt man eben nicht so leicht.

Doch für Gene LeBell, der auch seit vielen Jahren als Stuntman in Hollywood arbeitet, war dieses Leben als Kämpfer wohl vorherbestimmt, denn er wurde quasi in die „Bruderschaft der harten Männer" hineingeboren. So begann seine Mutter Aileen Eaton 1942 mit Box- und Ringerpromotion in Los Angeles Olympic Auditorium. Damals war sie der einzige weibliche Promoterin den Vereinigten Staaten. Die verwitwete Mutter von zwei Kindern (Gene hat noch einen älteren Bruder mit Namen Mike) war eine gewitzte Geschäftsfrau, die das Olympic zu einer beliebten Boxarena machte.

Aileen Eaton revolutionierte auch das professionelle Ringen, indem sie einen der Kämpfer - es war George Wagner - überredete, sein Haar blond zu färben und einen Kammerdiener anzuheuern. Damit wurde „Gorgeous George" geboren, zu jener Zeit eine Ringerlegende.

Da Gene LeBell ohne Vater aufwuchs, orientierte er sich an den überlebensgroßen Kämpfern, die für seine Mutter arbeiteten und ihn stark beeindruckten. So bekam er seine erste Wrestlinglektion mit sieben Jahren, als er den früheren Champion im Schwergewicht Ed (Strangler) Lewis um Unterricht bat. Der 300 Pfund schwere Lewis hatte offensichtlich ein Herz für Kinder. Dazu Gene LeBell: „Er nahm mich in den Schwitzkasten. Für 10 Minuten dachte ich, dass sich der Raum um mich herum drehen würde." Mit 12 begann Gene mit dem Judo. Um seine Ausbildung in den Kampfkünsten abzurunden, ging er , gleichzeitig ins Main Street Gym in L.A., wo sich die besten Boxer der Westküste trafen.

Vom Judoka, über Pro-Wrestler zum Stuntman


LeBells abwechslungsreiches Training zahlte sich 1954 aus, als er die Nationalmeisterschaften der AAU im Judo gewann. Als 21-jähriger „No Name" nagelte er John Osako, der als Top-Judoka zu dieser Zeit angesehen wurde, am Boden fest und gewann dieses Turnier. Obwohl LeBell nur 160 Pfund wog, gewann er auch in der Schwergewichtsklasse und die Allkategorie.

Im darauffolgenden Jahr wurde er wieder Nationalchampion, gewann 18 Kämpfe in zwei Tagen. LeBell war damals so überlegen, dass er 17 dieser Kämpfe aus dem Stand heraus mit Würfen zu Ende brachte, ohne in den Bodenkampf gehen zu müssen. „Dies war für mich zu jener Zeit nichts ungewöhnliches, da ich mit 300 Pfund schweren Gegnern trainierte," sagte dazu LeBell, „die Ringer waren damals weitaus zäher."

Nachdem LeBell seinen zweiten nationalen Titel gewann, reiste er mit einer Gruppe der Air Force nach Japan, um dort mit den wettbesten Judoka zu trainieren und an Wettkämpfen teilzunehmen. Doch neben dem Judo Training besuchte er ebenfalls einige Karate- und Aikidomeister. „Judo-Gene" trainierte oft im Kodokan, dem Judo-Hauptquartier in Tokyo, wo er u. a. die sog. „Schlachtreihe" zu bestehen hatte, d.h. solange gegen wechselnde Gegner zu kämpften, bis er einen Kampf verlor. Bezeichnenderweise waren ungefähr 20 Kämpfer nötig, um Gene zu bezwingen.

In Japan geschah es auch, dass sein Judo-Gi unbeabsichtigt mit farbiger Kleidung zusammen gewaschen wurde und anschließend rosafarben die Waschmaschine verließ. Doch unglücklich war er darüber nicht, wie Gene LeBell im nachhinein feststellte: „Es war etwas anderes. Und wenn mich Leute deswegen aufziehen wollten, war es für mich eine gute Entschuldigung, sie auf die Matte zu zerren und ein wenig zu verbiegen."

Da Judo strikt unter dem Amateurstatus lief, wandte sich LeBell verstärkt dem Profi-Wrestling zu, um Geld zu verdienen. Seinen ersten Kampf bestritt er im Olympic Auditorium. Der zweifache Judo-US-Champion wurde von den Zuschauern angefeuert, allerdings zum ersten und auch zum letzten Mal. Da er wusste, dass die „Bösen Buben" die höchstbezahltesten Ringer waren, bemühte sich LeBell, der Scheußlichste von allen zu werden. Gene schaffte es, so unbeliebt zu werden, dass er sich unter einer Maske verbergen musste und als „Hangman" überall gefürchtet wurde. Da durch die Maske sein Gesicht verborgen blieb, brachte er auch seine Familie nicht in Verlegenheit.

1960 wurde Gene LeBelle sogar Wrestling-Weltmeister allerdings nur für gerade einmal 12 Sekunden. Was war passiert?

Nachdem Gene seinen Gegner Pat O´Connor in einem packenden Kampf geschlagen hatte, traf LeBell im allgemeinen Freudentaumel einen Funktionär aus Versehen mit dem Championgürtel ins Gesicht, als Gene für die Fotografen posierte. Da der Funktionär dachte, dass Gene dies mit Absicht gemacht hatte, disqualifizierte er ihn und erkannte ihm den Titel ab.

Im Jahre 1955 arbeitete Gene auch das erste Mal in einer Hollywood-Produktion als Filmdouble. Da er hier ebenfalls sehr erfolgreich war, trat seine Ringerkarriere mehr und mehr in den Hintergrund. So heuerten ihn viele Stuntkoordinatoren an, weil sie wussten, dass Gene Schläge besser einstecken konnte als andere. Außerdem fühlten sich die Schauspieler in seiner Gegenwart immer sicher. So ließ sich selbst Starkomiker Jerry Lewis dazu hinreißen, Gene LeBell vor laufender Kamera niederzuschlagen. (Bild zeigt Gene und Bruce Lee in the green hornet)

Laufen die Kameras jedoch nicht, so lässt sich Gene LeBell allerdings nicht so leicht bezwingen. Abgesehen von einer Niederlage als Teenager blieb der „härteste Mann der Welt" in seiner Judo-Karriere mit mehr als 2000 Siegen (innerhalb von acht Jahren) ungeschlagen.

Heute sieht sich Gene LeBell mehr in der Rolle des Trainers. So arbeitet er u.a. mit Kampfsportlern zusammen, um für die Polizei von Los Angeles neue Abwehrtechniken im Kampf gegen Verbrecher zu entwickeln. Außerdem unterrichteter weiterhin das Judo. So hat er sechs nationale US-Judo-Champions trainiert sowie den russischen Fighter Gokor Chivichyan, der bereits auch bei den UFC für Furore gesorgt hat. Ganz in seinem Element ist Gene LeBell vor allem dann, wenn ihn ein Besucher bittet, ihm doch einmal sein Können zu demonstrieren. Denn diese Leute lässt er nicht wieder gehen, ohne ihnen eine seiner berühmtberüchtigten Techniken zu zeigen. Und wenn er sie in der Mangel hat, kommt von ihm die obligatorische Frage: „Nun, wer ist der bestaussehendste Bursche hier?" Ja, soweit uns bekannt, lautete die Antwort bisher immer gleich: „Gene LeBell, ohne Zweifel!" Eine Begegnung mit Gene LeBell sollte man sich nicht entgehen lassen - er ist und bleibt the Best of the Best!

Quelle Text F. Born Budo International 01/97