PSDS Vereine Seminare Ausbildung Berichte Links Downloads Interessantes Kontakt
 

Die Geschichte des Dolches



Noch auf dem Totenbett gab ein alter Condottiere seinem Sohn den letzten Ratschlag für das Leben: "Denk immer dran, Junge, Daumen fest auf die Klinge und von unten nach oben zustoßen!"

Auch 500 Jahre später hat diese Weisheit ihre Gültigkeit nicht verloren. Zudem versinnbildlicht diese Anekdote die große Bedeutung, die frühere Epochen dem richtigen Umgang mit Stichwaffen beimaßen. Nicht nur in der konfliktgeladenen Renaissance musste jeder Mann von Stand in der Lage sein, sich mit Degen, Schwert oder Dolch seiner Haut zu wehren.

Das Messer begann seinen Entwicklungsweg, welcher die Kulturgeschichte des Menschen seit der Steinzeit Schritt für Schritt begleitet, ursprünglich als Werkzeug. Der dramatische Wechsel zum Kampfmittel ereignete sich irgendwo im nebligen Dunkel der Frühgeschichte, vielleicht in einer Höhle oder als es bei der Jagd zu Verteilungskämpfen und zum Konflikt kam. Irgendwann jedenfalls stach ein Neandertaler auf den anderen ein. Ob mit einem Stemmesser oder einem Knochendolch, das bleibt auch für die paläontolo­gische Kriminalforschung ohne Bedeutung.

Die Entwicklung


Wichtig nur: Von nun an gab es kein Zurück mehr. Im Wettrüsten war jetzt nach Stein und Knüppel eine neue Stufe in der Bewaffnung erklommen. Bald ging es nur noch darum, wer das schärfere oder das längere Messer besaß. Als Materialien lösten sich das weiche Kupfer, die aus Zinn und Kupfer gemixte Bronze und schließlich, um 750 v. Chr., das Eisenerz ab, dessen Bearbeitungstechnik aus Kleinasien importiert wurde. Bis zur Verfeinerung des Eisens zum elastischeren, rostresistenteren Stahl war es nur noch ein verhältnismäßig kleiner Schritt. Jede Epoche repräsentierte nicht nur einen gewaltigen Fortschritt in den Vernichtungsmöglichkeiten, sondern auch einen evolutionären Sprung im menschlichen Zusammenleben und in der Arbeitsteilung. Jedes Ding hat­te eben schon damals zwei Seiten — besonders und gerade bei der Blankwaffe.

Besseres Waffenmaterial bedeutete auch einen Fortschritt des Messers als Werkzeug und folgerichtig ein kräftesparendes und weniger zeitaufwendiges Arbeiten auf dem Feld, im Wald, bei der Jagd.

Der Dolch als Statussymbol



Waffentechnisch lichtet sich der Schleier der Geschichte im zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Ausgrabungsfunde lassen erstmals klare Rückschlüsse auf Klingenformen zu: Die Griechen bevorzugten lange dünne Schwerter und entwickelten ein Kukri ähnliches Haumesser, das "kopi". Die Mykener bevorzugten breite Klingenblattformen.

In Vorderasien zeigen die Verzierungen, Gold- und Silberarbeiten an Waffen, dass Messer und Dolche bereits einen Stellenwert als Statussymbol besaßen und das 2500 Jahre vor der Zeit­rechnung. Auch daran sollte sich bis heute nicht viel ändern, ebenfalls nicht an der waffentechnischen Bedeutung:

Das Messer definiert sich als relativ kurzes, oft nur 20 bis 30 Zentimeter langes Gerät, vornehmlich zum Schneiden.
Der Dolch dagegen dient in erster Linie als Stichwaffe, wobei die Abgrenzung nicht immer so klar sein kann und im Zuge dieses Specials oft beide Begriffe alternativ benutzt werden, sofern die betreffende Waffe angeschliffene Schneidflächen aufweist.

Das Messer als Kampfmittel



In jedem Fall aber rangieren Messer und Dolche in ihrer Bedeutung als Kampfmittel meist als Sekundär- und oft nur Tertiärwaffen. Ob Babylonier, Athener oder Spartaner, ob Perser, Römer, Wikinger oder Kreuzritter, sie alle kämpften vornehmlich mit Lanze, Schwert und Axt auf Armeslänge, wenn sie nicht schon Bogen, Steinschleuder oder Wurfspeer als Fernkampfmittel einsetzten. Griechen und Römer aber trugen auch Messer am Gürtel.

Letztere kannten mit dem „sica“ eine spezifische, schmalklingige Dolchform, die mehr als einmal nicht nur beim alten Julius Cäsar für heimtückische Attentate als Instrument herhalten musste und damit traurige Berühmtheit erlangte.

Die Germanen dagegen führten mit dem Scramasax oder Handsax ein einschneidiges Allroundmesser mit einer Klingenlänge von zehn bis maximal 50 Zentimetern. Je mehr seit den römischen Legionen im Altertum und erneut mit dem Aufkommen der ritterlichen Kriegerkaste im Mittelalter das Fechten und Kämpfen ritualisiert und in drillmäßige Formen gezwungen wurde, desto geringer war die Bedeutung von Dolch und Messer als Stichwaffe.

Weitere Entwicklungen



Nicht etwa ein neuer Kampfstil, sondern die Zunahme des Körperschutzes förderte das Comeback des Dolches. Mit dem Gnadgott oder Misericordiae tauchte im 12. und 13. Jahrhundert ein nadeldünner Panzerstecher mit drei- oder vierkantiger Klinge auf, der durch das Ringgeflecht des Hauberks und später auch an den überlappenden Stellen des Plattenpanzers durchbrechen konnte.

Spätestens ab 1250 zeigen Grabplatten und andere zeitgenössische Abbildungen die Ritter mit einem Dolch oder Dolchmesser am Schwertgurt. Einerseits wirken die sich nun entwickelnden Griff- und Klingenarten wie verkleinerte Versionen der Schwerter, andererseits entstehen bestimmte Modeformen bis zum 15. Jahrhundert.

Scheiben als Knäufe und Parierstück kennzeichnen die Rondel-Dolche, schon um 1300 in ganz Westeuropa verbreitet. In Mitteleuropa kommen Knäufe mit Ring oder oben offenen Halbringen auf, heute als Antennendolch klassifiziert. Aus dem französischen Baselard entwickelt sich der bis in die Landsknechtsära beliebte Nierendolch, bei dem aus dem Parierstück in Form von zwei Knollen in direkter Anspielung auf das männliche Geschlechtsteil die Klinge herausragt.

Mit der italienischen Renaissance gewinnt eine als Ochsenzunge oder Cinquedea (fünf Finger) bekannte Klingenform an Popularität. Die breite, mit zahlreichen abgesetzten Hohlkehlen und halbrunder Parierstange geschmiedete Waffe existiert mit Klingen von zehn Zentimetern bis zu halbmeterlangen Kurzschwert-Längen.

Aus dem arabischen Raum stammt dagegen die Sonderform des Ohrendolchs mit seine schrägstehenden Knaufscheiben, die sich vor allem für Verzierungen und Goldeinlagen anbieten. Erstaunlich ist, dass sich viele diese Griff- und Klingenformen über mehrere Jahrhundert in Gebrauch hielten, oft parallel zueinander, was die genaue Zeit- und Herkunftsbestimmung für den Sammler oft sehr erschwert.

Die Renaissance


Mit der Renaissance gewinnt in Italien und Frankreich eine neue Fechtschule an Bedeutung, die auf den Stich anstelle des Hiebes setzt. Gleichzeitig verwissenschaftlicht sich die Kampfausbildung durch Schulen, Lehrmeister und Handbücher wie die berühmten Werke von Meister Lichtenauer von 1389 oder Hans Talhoffer. Dessen Gothaer Codex von 1443 zeigt Messerkämpfer mit Nierendolchen, beim Ambroser Fechtbuch von 1459 mit Scheibenknäufen. Noch wirkt das Ganze eher wie eine wilde Rauferei, aber selbst Künstler wie Albrecht Dürer oder der Dichter Hans Sachs beschäftigten sich mit Fechtbüchern.

Mit Anfang des 16. Jahrhunderts aber predigen italienische Waffenmeister die neue Kunst des Zweihandfechtens. Die dominante (meist rechte) Faust führt den Stichdegen, das Rapier, mit der oft über einen Meter langen Klinge und dem ausgeprägten Glocken- oder Stangengefäß, das anstelle des Panzerhandschuhs jetzt die Faust schützen soll. In der zweiten oder linken Hand steckt ein Dolch mit starker, im Schnitt 30 oder 40 cm langer Klinge.

Das Gefäß dieser im Französischen tref­fend als "maingauche" bezeichneten Hilfswaffe gleicht oft dem des Degens oder be­sitzt spiegelbildlich verkleinerte Griffbügel und Parierstangen. Originalsets aus der Zeit zwischen 1540 und 1630 kosten heute schnell fünfstellige Beträge, und ein Schwertfeger verlangte damals schon den Gegenwert Mittelklassewagens.

Der Dolch im Wandel der Weltkriege


Denn in einer Zeit des ritualisierten Zweikampfes als Ehrenhändel präsentiert sich der Kauf von gut ausbalancierten, hochwertigen Fechtwaffen als Lebensversicherung. Duelle nur mit dem Dolch kommen vereinzelt auf, wobei die gleichen Stichbewegungen wie mit Florett oder Rapier angewandt werden und die linke Hand zum Schutz einen Mantel hält.

Andererseits plädieren einige Experten auch für Schnitt- und Hiebbewegungen, die sich gegen Arm, Hand oder Gesicht des Kontrahenten richten. Alles ist erlaubt, was den Kampf zum schnellen, siegreichen Abschluss bringt. Das Messerduell hält sich in Europa in einigen mediterranen Regionen bis in die Neuzeit und nimmt auch in der amerikanischen Folklore, besonders in den Südstaaten mit seinem Mythos um Jim Bowie und dessen Messer, einen großen Raum ein.

Militärisch verliert der Dolch schon im 17. Jahrhundert mit dem Vordringen der Feuerwaffen und Bajonette wieder seine Bedeutung. Das Seitengewehr ersetzt fortan den Dolch, für den täglichen Gebrauch tragen viele Soldaten schon Klappmesser bei sich.

Erst mit dem Stellungskrieg von 1914/18, mit den Streifkommandos und Sturmtruppen entwickelt sich eine neue Taktik, die notgedrungen auch Nahkampf auf engstem Raum bedeutet. Die Industrie kommt kaum nach, den Bedarf der modernen Massenheere des 20. Jahrhunderts zu decken, und so ziehen viele Soldaten beider Weltkriege mit auf dem Zivilmarkt erworbenen Jagd- und Campingmessern ins Feld.

Andere basteln vor Ort aus erbeuteten Bajonetten, ausgemusterten Säbeln oder sogar aus Fundmaterialien irgendwelche Stichinstrumente. Die US-Sammler prägten dafür den passenden Begriff "Theater Weapons" (von: theater of war, Kriegsgebiet).

In beiden Weltkriegen, aber auch im Korea-Konflikt, entstanden Grabendolche und Kampfmesser aus alten Säbelklingen, Stacheldrahtpfosten oder sogar dem Metall abgeschossener Flugzeuge und Granatsplitter. Sie wurden in Garagen, Schiffs- und Hafenwerkstätten, aber auch unter primitivsten Bedingungen in Dorfschmieden oder vorn an der Front im Unterstand fabriziert.

Viele Soldaten bastelten sie nicht aus kriegerischen Gelüsten, sondern als Souvenirs und als Tauschware, um an begehrte Verbrauchsgüter wie Tabak, Schnaps und Essen zu kommen. Noch immer hängt den Theater Weapons ein besonderes Fluidum an, geben sie doch lebhaft Zeugnis von dem Einfallsreichtum ihrer Erbauer — und von der Langeweile in der Eintönigkeit der Schützengräben, Transitcamps oder Transportschiffe.

Heute geben viele Armeen und Spezialeinheiten wieder Kommando-Dolche aus, auch zur Stärkung des Korpsgeists und des Selbstbewusstseins. Als letztes Mittel, als unterste Stufe im Kaleidoskop der Distanz- und Nahkampfwaffen, bleiben Dolch und Messer so etwas sehr Persönliches und dienen stets zu allem Möglichen, aber nur selten zum Kampf. Denn es gehört (Gott sei Dank!) schon sehr, sehr viel dazu, einem Mitmenschen aus allernächster Nähe ein Stück Stahl in den Körper zu rammen. Daran ändern auch alles Training und alle Ideologie nicht viel.

Dolche als gesellschaftliches Unterscheidungsmerkmal entwickelten eine erste Blütezeit in der Renaissance, wo der Adel am Hof oder bei Festlichkeiten anstelle der sperrigen Rapiere mit kunstvoll verzierten Dolchen am Gürtel auftrat.

Ein klassischschönes Beispiel dafür zeigt ein englisches Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, der kindliche Prinz Edward. VI. hält einen Ohrendolch in der rechtes Hand. Besonders beliebt war der Dolch als Rangabzeichen bei allen Seeoffizieren, denn in den engen Aufgängen und Zwischendecks waren Degen oder Säbel mehr als hinderlich.

Schon die Kadetten im 18. Jahrhundert trugen deshalb "dirks", wie die Dolchmesser nach schottischem Vorbild in der britischen Marine hießen. Nach der Machtergreifung offerierte die Solinger Industrie 1936 in einem geschickten Marketing-Schachzug der NSDAP-Führung eine breite Palette von Ehrendolch-Modellen vom HJ-Fahrtenmesser bis zum Forstdienst-Hirschfänger. Dem SA-Dolch diente dabei das Schweizer Holbein-Messer von 1520 als Vorbild.


Quelle - Visier Special „Militär-Messer“ 12.98