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Die Geschichte des Messers - Vom Werkzeug zur Waffe


Das Messer primär gehört primär als Werkzeug und später als Waffe zu den ersten und damit ältesten Gerätschaften der Menschheitsgeschichte schlechthin. Es markiert die Stufe, bei der sich der Urzeitmensch vom Affen durch seine Fähigkeiten, ein Gerät zu nutzen und es für den besseren Gebrauch zu gestalten, eindeutig abhob.

Beide verband noch das eher instinktive Anwenden von Knüppeln oder Steinen als Schlagwerkzeuge, dann kam der zugespitzte Stein. Aus diesem Faustkeil entwickelte unser Urahn etwa 70 000 Jahre vor unserer Zeit, wahrscheinlich in einer über Jahrtausende dauernden Phase von "trial & error", ein erstes Schneidwerkzeug: Durch geschicktes Absplittern und Nachschleifen erhielt er eine Schnittkante an einem Stein. Damit war es dem Höhlenbewohner erstmals möglich, das von ihm erlegte Wildbret ohne große Materialverluste richtig zu zerteilen sowie Häute und Felle für eine spätere Weiterverwendung als Gefäß und Kleidung herzurichten. Diese erste "Klinge" bildete den Fortschritt zu einer bequemeren und damit besseren Lebensform.

Entwicklung des Messers

Nun brauchte jener Urzeitmensch sein Fleisch nicht mehr mit Fingern und Zähnen zu zerreißen, er konnte es gezielt bearbeiten, genauso wie Häute, Felle, Knochen, Holz und Pflanzen. Von der ersten Schnittkante an einem Flintstein bis zu einer Vielzahl von Steinwerkzeugen wie Schabern, Speer- oder Lanzenspitzen war es dann nur noch ein vergleichsweise kleiner evolutionärer Schritt. Der Mensch der älteren Steinzeit nutzte, bereits um 20 000 vor Christus verschiedene Gesteinsarten wie Obsidian und Flint, um seine Werkzeuge herzustellen. An der Schwelle zur mittleren Steinzeit, vom achten bis zehnten Jahrtausend, lebten einige unserer Vorfahren in Nordwesteuropa schon in Strauch- und Schilfhütten, betrieben die Fischerei mit Reusen und unterhielten eine intensive Sammelwirtschaft.

Archäologische Funde aus dieser Epoche belegen, dass sich an Steinklingen bereits häufig eine Halterung oder ein Griff befand, um besser hantieren zu können. So er­schien das Messer in seiner Grundform um 9000 Jahre vor unserer Zeitrechnung bereits recht weit entwickelt.

Zwei Jahrtausende später setzte im östlichen Mittelmeerraum schon das Neolithikum ein, die Jungsteinzeit. Sie kennzeichnet sich durch den beginnen­den Ackerbau mit Kulturpflanzen, das Halten von Haustieren, erste Keramik und befestigte Siedlungen mit richti­gen Häusern. Bei den aus dieser Epoche gefundenen Steinäxten und -messern fällt auf, dass ihre gesamte Oberfläche sauber bearbeitet wurde, um den Nutzwert zu erhöhen. Auch in unseren Breitengraden besaßen Feuersteindolche an der Schwelle zur Bronzezeit — gegen 2000 v. Chr. — bereits eine in der ganzen Länge bearbeitete Klingenform, im Querschnitt linsenförmig und mit zweiseitiger Schneide. Dieser Stil wurde von den frühen Handwerkern weitgehend übernommen, als mit dem Ende des Neolithikum, der jüngeren Steinzeit, im dritten Jahrtausend in Vorderasien Kupfer als neuer Werkstoff aufkam.

Dann musste Kupfer als Material um 2000 v. Chr. der einfacher zu bearbeitenden Bronzelegierung aus Kupfer und Zinn weichen — zuerst im östlichen Mittelmeer-Raum. Händler verbreiteten das neue Metall, bis schließlich die Kenntnis von der Verarbeitung der leicht giessbaren Bronze auch über die Alpen gelangte. Und jetzt konnte sich eine Formenvielfalt der unterschiedlichsten Messerklingen durchsetzen, die genau dem jeweiligen Verwendungszweck angepasst wa­ren: gerade, konkav oder sogar yataganmäßig geformt, einschneidig als Werkzeug, Dolche zum Kampf mit flachen, zweischneidigen Stoßklingen, rundem Griff und einem sauber ausgeformten Knauf.

Dekorative Muster auf Klinge, Griff und Knauf traten verstärkt in Erscheinung, kurze und lange Flach-Angeln mit einer oder mehreren Nietbohrungen. Das Messer erlangte in dieser Zeit, mehr als anderthalb Jahrtausend vor der Zeitrechnung, bereits Statussymbol, wie zahllose Grabbeilagen beweisen. Andererseits entstanden damals auch einfacher herzustellende Gebrauchsmesser, nur mit einem Dorn zum Aufstoßen eines Horn- oder Holzgriffs versehen.

Lange bevor im achten Jahrhundert die Eisenbearbeitung eine neue Ära der Technologie einleitete, besaß das Messer als Blankwaffe wie als Werkzeug schon alle Merkmale und Stilelemente, wie wir sie heute auch noch kennen. In den nun folgenden Epochen nahm die Formen- und Artenvielfalt der Klingen und Griffe natürlich zu.

Aber die wesentlichen Elemente blieben unverwechselbar erhalten, so dass ein Schmied aus der Hallstattzeit (750 - 450 v. Chr.) oder einer aus dem Mittelalter, würde eine Zeitmaschine ihn in unsere Epoche versetzen, wohl schnell eine gemeinsame Gesprächsebene mit einem modernen Messermacher finden würde. Und ein Jäger unserer Zeit hätte keine Schwierigkeiten, ein Wildschwein mit einem Messer aufzubrechen, das aus einem der norddeutschen Hünengräber des sechsten Jahrhunderts vor Christus stammt. Mit dieser Beständigkeit steht das Messer fast einzigartig in der Kultur- und Technikgeschichte dar und ist schon allein deshalb ein unvergleichlich faszinierendes Sammelobjekt.

Von der Schmiedekunst zur Industrieproduktion


Andererseits überrascht es, wie jung die Messerschmiede-Kunst als spezielle Fertigkeit ist. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein gehörte das Herstellen von Messern jeder Art zu einer Arbeit, die fast jeder Dorfschmied so nebenbei betrieb — nichts besonderes also. Verglichen damit entwickelte sich schon sehr früh, nämlich im Mittelalter, in den europäischen Blankwaffen-Produktionszentren wie Toledo, Solingen oder Passau eine weitgehende Spezialisierung und Arbeitsteilung unter den Handwerkern: Da gab es Grobschmiede, die nur die Stangen fertigten, die andere — die Schwertfeger, zu Klingen ausformten und zurechtschliffen. Einzelne spezialisierten sich auf Griffe, andere auf die Politur, wieder andere auf die Scheiden und Kaufleute schließlich auf den Vertrieb.

Der Messerschmied entstand dagegen als selbständiger Lehrberuf mit eigener Meister-Innung erst relativ spät im 19. Jahrhundert — und das zu einer Zeit, als die Blankwaffe als Kampfmittel zunehmend an Bedeutung verlor und statt der altehrwürdigen Schmiedegesellen nur noch Fabrikarbeiter die Säbel und Bajonette als Massenware produzierten.

Heute, am Ende des 20, Jahrhunderts, bestehen die Messerschmiedeinnungen in den meisten Ländern nur noch aus einem kleinen Häufchen unentwegter, deren Zahl jedoch rapide abnimmt. In Deutschland musste sogar die altehrwürdige Berufsbezeichnung "Messerschmied" weichen, und nicht nur Traditionalisten knirschen wütend mit den Zähnen, wenn sie den neuen Namen ihres Handwerksverbands aussprechen sollen:

Schneidwarentechniker-Innung

Und sie sehen mit tränenden Augen, wie ihr angestammter Berufsstand auf das Schärfen und Instandhalten von industriellen Schneidmaschinen und auf das Verkaufen von Bestecken und Schneidwaren reduziert wird. Die wenigsten unter ihnen können in ihrem Berufsleben tatsächlich noch die erlernten und bei der Meisterprüfung unter Beweis gestellten Fähigkeiten, das Entwerfen und Herstellen ganzer Messer, ausüben.


Quelle - Visier – Das internationale Waffen Magazin – Ausgabe Dez./Jan./Feb. 1997/1998 „Visier Special Messer II”



Anmerkung

Ich kann nur jedem das lesen der Visier Special Hefte empfehlen, der sich für den Bereich Waffen interessiert. Hier werden u.a. die Historie genauso beleuchtet, wie die modernen Formen und die in Deutschland herrschenden Gesetze.

Euer

Michael Kann